Gletscher, gut verpackt.

Manch einer der großen Gletscher in den Gletscherskigebieten wird im Sommer warm eingepackt. Warm? Nicht ganz, durch gezieltes Abdecken bestimmter Gletscherteile soll ein Abschmelzen über den Sommer vermieden werden. Und nicht nur das, durch gezielte Beschneiung kann die Massenbilanz eines Gletschers sogar beeinflusst werden… positiv. Aber wir haben bei Dr. Andrea Fischer, Glaziologin am Institut Institut für Interdisziplinäre Gebirgsforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften in Innsbruck, nochmal genau nachgefragt.

Andrea Fischer

Dr. Andrea Fischer bei der Pressekonferenz "Gletscherschutz durch Vliesabdeckung" 2011. Foto: Stubaier Gletscher

Liebe Andrea, nun mal vorweg: Wie funktioniert die Gletscherabdeckung grundsätzlich? Bzw. warum schmilzt ein Gletscher eigentlich im Sommer?

Die Schmelzreduktion eines Gletschers ist hauptsächlich auf die höhere Albedo (0.8) gegenüber blankem Eis (0.2) zurückzuführen. Das heißt, dass abgedeckte Flächen 80 % der Sonnenstrahlung reflektieren, Eis nur 20 %. Dadurch wird die direkte Sonnenstrahlung, die immerhin 70 % der Schmelzenergie beiträgt, deutlich reduziert und es schmilzt unter der Abdeckung nur ca. 1/3 des Eises im Vergleich zu unabgedeckten Flächen.

Okay, das heißt: die direkte Sonneneinstrahlung ist der Hauptgrund für den Schmelzvorgang im Sommer. Aber wie sucht man denn die Bereiche aus, die man am Gletscher abdeckt? Gibt es dafür einen  ökonomischen oder ökologischen Kriterienkatalog?

Abdeckungen können generell nur auf kleinen Teilflächen von  Gletscher-Skigebieten durchgeführt werden, weil sie sehr arbeits- und kostenintensiv sind. Demzufolge ist der Einsatz schon mal sehr beschränkt. Die Auswahl beruht aber weder auf rein ökonomischen Kriterien, noch auf rein ökologischen Kriterien. Abgedeckt werden 'neuralgische Zonen': beispielsweise Flächen, deren Einsinken oder Abschmelzen zu Problemen mit bestehenden Anlagen führen würde, wenn also Liftanlagen nicht mehr betreten oder verlassen werden könnten, Pisten zu steil werden würden... Durch die Abdeckung kann die Anlage noch einige Jahre in der bestehenden Form erhalten werden und man vermeidet sowohl ökonomische als auch vor allem ökologische Kosten einer Verlegung oder eines Neubaus, der ja auch immer mit Verkehr, Transporten und Lärm verbunden ist.

Fliesbahnen am Gletscher

Sorgfältig werden die Fliesbahnen am Gletscher ausgelegt. Foto: Stubaier Gletscher

Zu den ökologischen Kriterien möchte ich folgendes sagen: Es gibt ja immer die Grundsatzdiskussion, ob der Mensch Teil des Ökosystems ist oder nicht, und ob man überhaupt in ein Ökosystem eingreifen soll. Die größten österreichischen Gletscherflächen befinden sich in Schutzgebieten, nur wenige Prozent werden durch Skigebiete genutzt, und von diesen Flächen wiederum werden nur wenige Prozent abgedeckt.

Ändert sich auf Grund der großflächigen Abdeckungen die Massenbilanz eines Gletschers?

Kleinräumig verringert sich die Ablation um zwei Drittel, wird Schnee eingebracht kann man sogar eine positive Massenbilanz erreichen. Im Wasserhaushalt oder im Massenumsatz des Einzugsgebietes wird sich aber durch die wenigen Promille der Gletscherflächen, die abgedeckt werden, nichts ändern. Die Abdeckung kann die Abschmelzung auch nicht aufhalten, sondern nur verzögern. Nichtsdestotrotz ist sie aber wichtig, um eben unnötige Belastungen durch weitere bauliche Maßnahmen zu verhindern.

Würde sich die Massenbilanz denn auf Grund großflächiger Beschneiung ändern?

Lokal ja, regional nein. Auf kleinen Flächen lassen sich auch durch Schneeproduktion positive Massenbilanzen erzielen. Auf der Größenskala ‚Skigebiet‘ ist diese Methode nicht anwendbar. Und zwar nicht nur aus Energie- und Kostengründen, sondern aufgrund der Verfügbarkeit des Wassers: Der mittlere Gebietsniederschlag beträgt etwa 1500 mm (l/m²), die Massenbilanz des heurigen Sommers - 1500 mm. Man bräuchte also große Wasserspeicher.

Gletscherabdeckung

Die abgedeckten Flächen befinden sich zumeist an neuralgischen Orten wie Liftstützen. Foto: Stubaier Gletscher

Würde die Beschneiung von Gletschern generell für sich stehen? Im wissenschaftlichen Sinne? Sprich, durch den künstlichen Schnee würde man eine künstliche Akkumulation, eine positive Bilanz  schaffen?

Meinst Du ob sich das lohnt? Aus naturwissenschaftlicher Sicht kann man festhalten: Es ist möglich, die Schmelze lokal durch Beschneiung zu verringern bzw. sogar Masse aufzubauen. In manchen Regionen legt man so auch im Winter Wasserspeicher für den Sommer an, das Wasser geht ja nicht verloren, sondern wird nur gespeichert. Wie man Kosten und Nutzen bewertet, sei es gesellschaftlich, monetär, Landschaftsbild, etc., hat mit dem Abwägen verschiedener Werte zu tun. Das kann man in den Naturwissenschaften einfach nicht, Apfel plus Banane minus Birne geht halt nicht. Im Grunde ist es eine politische Entscheidung, über die im besten Falle gesellschaftlicher Konsens herrscht. Natürlich gibt es dazu verschiedene Meinungen und Standpunkte, meist irgendwo zwischen Wilderness und zubetonieren, die man abwägen muss. Nicht jeder gesellschaftliche Diskurs kann durch eine naturwissenschaftliche Erkenntnis ersetzt werden.

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