Unterwegs mit ORF ECO

Die Zukunft des Wintertourismus in Österreich

Von 7. bis 18. November 2016 wurde auf der UN-Klimakonferenz in Marrakesch wieder über die europäische und internationale Umweltpolitik diskutiert. Der Weltklimavertrag war kurz zuvor nach 20 Jahren diplomatischer Verhandlungen in Kraft getreten – ein Grund zu Feiern? Definitiv, auch wenn die eigentliche Arbeit mit der Umsetzung der definierten Ziele wohl erst beginnen wird. Neben der hinlänglich bekannten notwendigen CO2-Reduktion aller Staaten weltweit fanden aber auch Diskussionen rund um die globale Erwärmung und den Klimawandel sowie deren Auswirkungen statt. In Österreich fällt der Blick da schnell auf die höheren Lagen – schließlich ist der Winter(sport)tourismus ein kulturell wie wirtschaftlich wichtiger Faktor. Wir haben das Team von ORF ECO bei dessen Recherchen in Tirol Anfang November mit der Kamera begleitet.

Das Filmteam von ORF ECO fängt das bunte Treiben am Stubaier Gletscher mit der Kamera ein.

Das Filmteam von ORF ECO fängt das bunte Treiben am Stubaier Gletscher mit der Kamera ein.

Die Fragen, die sich zu jedem Winterbeginn stellen

Im Rahmen eines Beitrags zur UN-Klimakonferenz in Marrakesch griff die Sendereihe ORF ECO die Thematik des weltweiten Klimawandels auf und beleuchtete Hintergründe und Auswirkungen in Österreich aus wirtschaftlicher Sicht. Tirol und der Wintertourismus können hierzu als Paradebeispiel herangezogen werden und so haben wir das Fernsehteam einen Tag lang bei seinem Dreh begleitet – und dabei ganz eigene, aufschlussreiche Erkenntnisse gewonnen. Vom Stubaier Gletscher ging es über den Ferienort Neustift/Milders bis hinauf zu den Nordkettenbahnen in Innsbruck und zurück ins Zentrum der Landeshauptstadt. Unterschiedliche versierte Experten aus Wirtschaft, Forschung und Tourismus kamen dabei zu Wort und nahmen Stellung zu Fragen wie:
• Wird der Schnee weniger?
• Werden die Winter kürzer?
• Verschwinden die Gletscher?
• Lohnt sich der Aufwand der Beschneiung?
• Können wir in 20 Jahren noch Skifahren?
• Unterliegt der Wintertourismus einem Wandel?
Mit solch wagen Aussichten haben wir uns also auf den Weg gemacht, im Ungewissen, welche Antworten und Lösungen uns erwarten würden.

Am Weg auf den Stubaier Gletscher erkennt man die technische Beschneiung.

Am Weg auf den Stubaier Gletscher erkennt man die technische Beschneiung.

Die Antworten der Experten aus Seilbahnbranche, Tourismus & Wissenschaft

Die Einschätzungen und Eindrücke der Fachleute zeigen, dass Veränderungen zwar spürbar sind, die Zukunft allerdings keinesfalls in schwarzen Tönen gemalt werden muss. Wo ließe es sich besser über den Wintertourismus sprechen, als im Zentrum des Geschehens? Wir begeben uns also von Innsbruck aus in das Stubaital, um auf 2.900 Metern Seehöhe den Vorstandsvorsitzenden der Wintersport Tirol AG & CO Stubaier Bergbahnen KG Mag. Reinhard Klier zu den Entwicklungen rund um Österreichs größtes Gletscherskigebiet zu befragen. „Auch wenn ein Klimawandel nicht wegdiskutiert werden kann, so steht der Winter in Tirols Bergen längst nicht vor dem Aus. Wir sind als Gletscherskigebiet in der glücklichen Lage nach wie vor Schneesicherheit von Oktober bis Juni gewährleisten zu können. Der Gletscher wird bestmöglich geschützt, um so einen Rückgang zu unterbinden. Auf modernste technische Beschneiungsanlagen können allerdings auch wir nicht verzichten“, so Klier. „Vor 20 Jahren war der Gletscher gar im Wachsen begriffen und wir mussten um unsere Bergstation fürchten“, erinnert sich Klier schmunzelnd. Der Gletscher hat seine Klauen zwar inzwischen wieder gelöst, die 64 Millionen Euro schwere Investition in die neue 3S Eisgratbahn zahle sich in Zukunft dennoch mit Sicherheit aus. Ein Rückgang an Skitouristen sei lt. Klier derzeit nicht zu verzeichnen. Zum Stichwort CO2 fügt Klier noch an, dass der Elefantenanteil am CO2-Ausstoß auf die Anreise entfalle – je näher das Reiseziel, desto ökologisch verträglicher. Zum Beispiel entspricht der CO2 Ausstoß einer Reise von München nach Teneriffa sechzehnmal derjenigen von München an den Stubaier Gletscher. Hier stehe auch der Konsument in der Pflicht. Zum Vergleich: Ein Karibikflug (200 Pers.) braucht ca. 1.500.000 kWh, was 100 ha Piste bzw. 7.500 kWh/Person entspricht.

Mag. Reinhard Klier im Gespräch mit dem Filmteam am Stubaier Gletscher.

Mag. Reinhard Klier im Gespräch mit dem Filmteam am Stubaier Gletscher.

 

Mag. Roderich Urschler, Geschäftsführer der MND AUSTRIA GMBH, beschäftigt sich seit Jahrzehnten unter anderem mit den Möglichkeiten und der Optimierung der technischen Beschneiung. So könne auch in niedriger gelegenen Skigebieten der Skibetrieb bis auf Weiteres gesichert werden. Dies sei ein wichtiger Beitrag zur Sicherung von Arbeitsplätzen in den Regionen. „Die technische Beschneiung ist heute so umweltverträglich und effizient wie nie. Das Wasser aus den Speicherseen kann direkt vor Ort verwendet, in Form von technischem Schnee auf den Skihängen sozusagen zwischengelagert und dem Kreislauf mit der Schneeschmelze im Frühjahr wieder zugeführt werden“, erklärt Urschler. „85% des Energieaufwandes für die Beschneiung stammt österreichweit zudem aus erneuerbarer Energie, das heißt hier wird die CO2 Bilanz kaum belastet.“

Mag. Roderich Urschler im Gespräch mit dem Filmteam am Stubaier Gletscher.

Mag. Roderich Urschler im Gespräch mit dem Filmteam am Stubaier Gletscher.

Vom Berg geht es daraufhin zurück ins Tal. Schließlich kommt hier der Winter tatsächlich später an, als in vergangenen Jahrzehnten. Um herauszufinden, wie die Gastgeber der Hotelleriebetriebe mit diesen Veränderungen umgehen, treffen wir Gudrun Hofer, Hotelière des 4 Sterne Superior Wellness Hotels Milderer Hof, in Milders. „Wir spüren da schon eine Veränderung über die Jahre hinweg, dass der Winter später kommt. Das ist aber kein so großes Problem für uns, da wir rechtzeitig ein zweites Standbein mit unserem Wellnessangebot aufgebaut haben. Außerdem locken die bis in den späten Herbst milden Temperaturen und sonnigen Tage neue Gäste in das Stubaital: Mountainbiken und Wandern gewinnen stetig an Beliebtheit,“ berichtet Hofer. Sie spüre bislang keine wirtschaftlichen Auswirkungen der klimatischen Veränderungen, allerdings, fügt sie hinzu, sei ein Wandel der Tourismusbetriebe in Zukunft unabdingbar.

Gudrun Hofer im Gespräch mit dem Filmteam in Milders.

Gudrun Hofer im Gespräch mit dem Filmteam in Milders.

Mit diesen spannenden Erkenntnissen geht es zurück in die Landeshauptstadt Tirols. Auf Innsbrucks berühmten Aussichtsberg fragen wir Thomas Schroll, den Geschäftsführer der Innsbrucker Nordkettenbahnen Betriebs GmbH, nach seinen persönlichen Eindrücken zur Entwicklung des Winters in Tirol: „Wir können nicht nur trotz, sondern sogar wegen der Verschiebung der Jahreszeiten gelassen in die Zukunft blicken. Denn die Touristen fahren das ganze Jahr über auf den Berg, das gehört zum festen Programm. Im letzten Jahr haben wir aufgrund des verspäteten Winterbeginns und des milden Spätherbstes die Wandersaison verlängert. Wir können zum Glück flexibel reagieren und somit nicht allzu abhängig vom frühen Schneefall.“

Thomas Schroll im Gespräch mit dem Filmteam auf der Hungerburg.

Thomas Schroll im Gespräch mit dem Filmteam auf der Hungerburg.

Dr. Robert Steiger, Tourismusforscher an der Universität Innsbruck und Mitglied beim Arbeitskreis Alpine Tourismusgeographie, sieht zum Abschluss unserer Tour eine durchaus versöhnliche Zukunft für den Wintersport und -tourismus in Tirol: „Es gibt keine Anzeichen dafür, dass das Skifahren in absehbarer Zeit in Tirol nicht mehr möglich sein wird, allerdings zu steigenden Kosten auf Seiten der Skigebiete.“ Dass Skigebiete im Osten Österreichs sowie in niedrigen Lagen mit der Zeit in Bedrängnis kommen könnten, sei somit nicht ausgeschlossen. Insgesamt sei allerdings kein Rückgang des Tourismus zu verzeichnen, das bereits hohe Niveau in Tirol müsse allerdings gehalten und innovativ erweitert werden, um weiter wachsen zu können.

Dr. Robert Steiger im Gespräch mit dem Filmteam in Innsbruck.

Dr. Robert Steiger im Gespräch mit dem Filmteam in Innsbruck.

Unser persönliches Fazit

Der Klimawandel ist Realität und an einigen Stellen auch real wahrnehmbar. Mit den heutigen technischen Möglichkeiten und nachhaltigen Projektplanungen kann der Wintertourismus und Skisport allerdings auf absehbare Zeit effektiv gesichert werden. Dabei darf man sich keinesfalls auf dem Erreichten ausruhen, Innovationsgeist und flexibles Denken sind gefragt! Tirol zumindest scheint sich bis auf Weiteres um die Zukunft des Wintersports keine allzu großen Sorgen machen zu müssen. Immer vor dem Hintergrund, dass die Natur und Ressourcen bestmöglich bewahrt werden und weiter mit viel Leidenschaft gemeinsam an zukunftsfähigen Projekten gearbeitet wird.

Der Blick von der Hungerburg über das Inntal Richtung Kufstein.

Der Blick von der Hungerburg über das Inntal Richtung Kufstein.

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