ALPINE SEILBAHNARCHITEKTUR

Ledersitze, Panoramaverglasung, Sichtbeton: Anspruchsvolles Design und durchdachte Seilbahnarchitektur haben in zahlreichen Skigebieten unverkennbar Einzug gehalten. Neben der neuesten Technik setzen die Betreiber der Seilbahnen zunehmend auf umfassenden Komfort und eine ästhetisch ansprechende Formensprache der Stationen, Stützen und Kabinen.

Die Seilbahn – mehr als ein Transportmittel

Parallel zum Aufkommen des Skitourismus kurz vor dem Ersten Weltkrieg wurde auf dem spanischen Monte Ulia 1907 die erste Seilbahn allein für den Personentransport in Betrieb genommen. Bereits in den 1930er Jahren ersetzte man die frühen Liftanlagen in den Skigebieten der Alpen nach und nach durch moderne Seilbahnen mit höheren Kapazitäten. Seitdem wurde maßgeblich an der Technik und Sicherheit gefeilt. Heute gelangen immer mehr Menschen in immer kürzerer Zeit in die Skigebiete. 2016 wurde die Seilbahn mit der bis dato höchsten Förderkapazität weltweit eröffnet. Die Giggijochbahn im Ötztal kann bis zu 4.500 Personen pro Stunde befördern.

Höchste Förderleistung und moderne Architektursprache: Die neue Giggijochbahn in Sölden.

Höchste Förderleistung und moderne Architektursprache: Die neue Giggijochbahn in Sölden. Fotograf: Rudi Wyhlidal ©Bergbahnen Sölden

Doch längst sind Seilbahnen weit mehr als ein ausgefeiltes Vehikel, ein rein technisches Konstrukt, für den Personentransport. Die Ästhetik gewinnt zunehmend an Bedeutung. Und mit ihr die Tragweite eines Seilbahnbauwerks für die Region, für den Tourismus und für die gesamte Kulturlandschaft. Damit einhergeht eine nachhaltige Planung und Konstruktion – und zwar in zweierlei Hinsicht. Zum einen gewinnt die ressourcen- wie umweltschonende Bau- und Betriebsweise zunehmend an Gewicht, zum anderen erhoffen sich die Betreiber und Einheimischen einen spürbaren Mehrwert. Ähnlich dem Bilbao-Effekt.

Die Talstation der Galzigbahn am Arlberg besticht durch ihr modernes, technoides Äußeres.

Die Talstation der Galzigbahn am Arlberg besticht durch ihr modernes, technoides Äußeres. ©Milli Kaufmann

Von der Stadt…

Seilbahnen stehen gemeinhin in erster Linie für den Personentransport in Bergregionen. Dabei erobern sie bereits seit längerem und mit wachsendem Erfolg auch städtische Gebiete rund um den Erdball. Urbane Seilbahnen überzeugen gegenüber herkömmlichen (öffentlichen) Verkehrsmitteln allen voran durch ihre nachhaltige und platzsparende Konstruktion. Gerade im Hinblick auf Metropolen, aber auch alpine Städte, ein wichtiger Aspekt. Doch auch in punkto Design stehen die Stationen und Kabinen den räumlich prägenden Bauten von Bahnhöfen, Flughäfen und Metrostationen heute in nichts mehr nach. Große Namen schmücken die Ikonen der neueren urbanen Seilbahngeschichte. Bereits 2007 nahmen die Portland Aerial Tram von agps architecture und die Innsbrucker Hungerburgbahn der unlängst verstorbenen Star-Architektin Zaha Hadid ihren Betrieb auf.

Die typische Formensprache von Zaha Hadid prägt die Stationen der Hungerburgbahn.

Die typische Formensprache von Zaha Hadid prägt die Stationen der Hungerburgbahn. ©Innsbruck Tourismus Catania/Günther Egger

Die Bundesgartenschau 2011 bescherte dem Stadtbild von Koblenz die imposante BUGA Seilbahn von Werner Sobek. Seit 2010 prägt die Ifinger Seilbahn Meran bereits Stadt und Wandergebiet mit einer zeitgemäßen Architektur und Technologie, geplant von dem Architekten Roland Baldi.

"Die besondere Herausforderung beim Entwurf einer Seilbahn liegt in der Verteilung und Positionierung der gewaltigen Bauvolumen, die man einplanen muss. Der Platzbedarf der Seilbahntechnik ist sehr groß und lässt in seiner Positionierung auch nicht allzu viel Spielraum zu. Es ist für mich sehr spannend, eine Hülle für diese riesige Antriebsmaschine mit ihren 4-5 Meter großen Seilrollen zu gestalten. Als Technikfreak macht mir das schon richtig Spaß. Aus diesem Grund haben wir die Hülle der Seilbahntechnik bei der Bergbahn Meran 2000 mit rotem Streckgitter ausgeführt. Rot steht für mich für Dynamik. Es soll an der Fassade ablesbar sein, dass es sich hier um gewaltige Kräfte handelt, die so eine Seilbahn über 1.000 Höhenmeter rauf und runter bewegen", zeigt sich Baldi von der Herausforderung beim Bauen am Berg begeistert.

Der rot leuchtende Kubus der Bergstation Ifinger Bahn ist bereits von der Stadt Meran aus gut sichtbar.

Der rot leuchtende Kubus der Bergstation Ifinger Bahn ist bereits von der Stadt Meran aus gut sichtbar. ©Oskar da Riz

…in die Berge

Die genannten städtischen Seilbahnprojekte haben das geschafft, wovon man in den Skigebieten noch träumt: Bauwerke des (halb-)öffentlichen Lebens zu schaffen, die sich optisch wie regionaltypisch in die jeweilige Umgebung und Kulturlandschaft integrieren, die von der Bevölkerung akzeptiert werden und als Symbol eines Ortes von Millionen Menschen auf der ganzen Welt erkannt werden. Aus eben diesem Grund ist es wichtig und richtig Architektur und Berge noch näher zusammenzubringen. Denn ein an einem bestimmten Ort bestens funktionierendes Modell kann keineswegs ohne Weiteres auf eine andere räumliche Situation eins zu eins übertragen werden. Nur wenn der finanzielle Rahmen, der individuelle Ort und die Kultur sowie der Zweck rund um jedes einzelne Seilbahnbauwerk konsequent durchdacht werden, kann ein nachhaltiger Mehrwert für die Region, die Einheimischen sowie den Tourismus erreicht werden.

Die neue Bergstation der 3S Pardatschgratbahn in Ischgl bildet mit dem Bestandsgebäude ein stimmiges Gesamtbild.

Die neue Bergstation der 3S Pardatschgratbahn in Ischgl bildet mit dem Bestandsgebäude ein stimmiges Gesamtbild. ©TVB Paznaun Ischgl

Wie Architektur und Technik die Landschaft nachhaltig prägen

Dass diese Theorie in vielfacher Hinsicht bereits zur Praxis wird und geworden ist, beweisen zahlreiche spektakuläre Seilbahnbauten der neueren Zeit. Für Architekten stellt das Bauen am Berg ein interessantes Tätigkeitsfeld dar.

„Bestehende Bahnen – welche als Fremdkörper in der Natur wahrgenommen werden – umzubauen und so zu erneuern, dass der Großteil der Bevölkerung sie nun als schön wahrnimmt und die Architektur alleine schon die Gäste anzieht, weil sie so einzigartig und harmonisch wirkt“, schätzt Dipl.-Ing. / Dr. Ing. Thomas Weissteiner, Geschäftsführer der aste | weissteiner zt gmbh, ganz besonders an der Planung von technischen Bauten in alpinen Regionen. Für die ausdrucksstarke Wildspitzbahn wurden die Architekten Baumschlager Hutter Partners und die Pitztaler Gletscherbahn  2013 mit dem ISR Architektur Award ausgezeichnet. Nach 2009 und 2013 soll dieser renommierte Preis für herausragende Architektur am Berg auch 2018 wieder im Rahmen der INTERALPIN in fünf Kategorien für visionäre Seilbahnprojekte vergeben werden.

Der prämierte Entwurf der Wildspitzbahn am Pitztaler Gletscher.

Der prämierte Entwurf der Wildspitzbahn am Pitztaler Gletscher. ©Pitztaler Gletscherbahn

Bei den Seilbahnern und Kommunen setzt ein sichtbares Umdenken ein. Und die Planer und Architekten nehmen sich mit viel Elan der neuen Herausforderungen an. Alleine an dem geladenen Wettbewerb für den Neubau der Patscherkofelbahn in Innsbruck nahmen 16 Architekturbüros teil. Zum Siegerprojekt wurde der klar strukturierte Entwurf von Innauer-Matt Architekten gekürt. Mit dem Bau des Millionenprojekts soll voraussichtlich nach dem Ende der Wintersaison 2017 begonnen werden.

Das Siegerprojekt für den Neubau der Patscherkofelbahn in Innsbruck.

Das Siegerprojekt für den Neubau der Patscherkofelbahn in Innsbruck. ©Innauer Matt

Gelungene Beispiele der alpinen Seilbahnarchitektur

Wenn alles nach Plan läuft, darf sich die Alpenhauptstadt Innsbruck bald über ein ebensolches Prestigeprojekt im Bereich der Seilbahnarchitektur freuen wie St. Anton in Tirol. Die skulpturale Verbindung von Technik und Ästhetik ist den Driendl Architects mit der markanten Galzigbahn meisterhaft gelungen. Für Geschäftsführer Georg Driendl erklärt sich der Entwurfsprozess aus der Seilbahntechnik heraus, die als Maschine verstanden werden muss und speziell in ein örtlich angepasstes architektonisches Konzept einzubeziehen ist. In völlig anderer Formensprache und destotrotz nicht weniger beeindruckend präsentiert sich auch die Talstation der Rittner Seilbahn des Architekturbüros Dietl. Der funktionale Baukörper fügt sich harmonisch in das Stadtbild Bozens und fungiert als identitätsstiftendes Bauwerk des öffentlichen Raums.

Die Stationen der Gaislachkoglbahn: Elegant geschwungene Stahlskelette, ummantelt von einer transparenten, reißfesten Kunststofffolie.

Die Stationen der Gaislachkoglbahn: Elegant geschwungene Stahlskelette, ummantelt von einer transparenten, reißfesten Kunststofffolie. ©Bergbahnen Sölden

Die Bergstation der Gaislachkoglbahn der obermoser arch-omo zt gmbh setzt hingegen ein weithin sichtbares Zeichen zeitgenössischer Baukultur hoch über Sölden. Das Zusammenspiel von Transparenz und Tragstruktur wird auf 3.040 Metern Seehöhe zum räumlichen Erlebnis für die Skigäste und Besucher. In Ischgl begeistert die neue zweispurige Pendelbahn Piz Val Gronda E5 mit einer äußerst filigranen und reduzierten Tragkonstruktion. Die 150 Personen fassenden Kabinen schweben nahezu schwerelos über lediglich zwei Stützen auf knapp 2,5 Kilometern von der Tal- zur Bergstation.

Die Piz Val Gronda E5 verbindet Eleganz und Leichtigkeit.

Die Piz Val Gronda E5 verbindet Eleganz und Leichtigkeit. ©Silvrettaseilbahn AG

Die Bedeutung von Form und Funktion

Die auf den Ort abgestimmte Gestalt und Gestaltung von Seilbahnbauten wird in Zukunft weiter an Bedeutung gewinnen. Denn Komfort, modernste Technik und nachhaltige Wirtschaftsweise werden von Skigästen wie Betreibern bereits heute vorausgesetzt. Die Expansionsmöglichkeiten der Skigebiete sind zum größten Teil ausgeschöpft. Nun gilt es den vorhandenen hohen Standard zu kultivieren und die neu entstehenden wie existierenden Seilbahnbauten mit einem relevanten Mehrwert zu versehen. Kürzer werdende Winter eröffnen neue Möglichkeiten. Dies treibt die Entwicklung voran, die Berge mehr und mehr zum Ganzjahreserlebnis werden zu lassen.

Im Winter gnädig vom Schnee bedeckt, offenbart sich im Sommer die ganze Wahrheit: Sind die Seilbahnen als Teil der Berglandschaft zu verstehen oder als fremde Parasiten? Wirken sie brachial auf den Berggipfel gesetzt oder fügen sie sich harmonisch in die Kulturlandschaft ein und bereichern auf diese Weise die Region? Ob Einkehr- und Übernachtungsmöglichkeiten, Museen, Shops, Cafés oder Aussichtsplattformen – die Möglichkeiten sind vielfältig. Die passenden Antworten können allerdings nur gemeinsam von innovativ denkenden Seilbahngesellschaften, aufgeschlossenen Gemeinden sowie flexiblen Herstellern und Planern gefunden werden.

Die Rittner Seilbahn in Bozen gilt als gelungenes Beispiel identitätsstiftender Seilbahnarchitektur.

Die Rittner Seilbahn in Bozen gilt als gelungenes Beispiel identitätsstiftender Seilbahnarchitektur. ©LEITNER ropeways

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