Urbane Seilbahnen

Urbane Seilbahnbauten: Die Seilbahn erobert die Metropolen der Welt. Ist es nur ein vorübergehender Trend, ein Hype, ein Zeitgeist – oder steckt weit mehr dahinter? Fakt ist: Rund um den Globus schweben die Menschen zunehmend über den Dingen, wenn es um den Personentransport von A nach B geht.

Ballungszentrum Stadt

Immer mehr Menschen auf der ganzen Welt zieht es in die Stadt. Schon jetzt leben etwa 50% der Weltbevölkerung in den Ballungszentren, die Großstädte rund um den Globus wachsen unermüdlich weiter, denn die Arbeitsmöglichkeiten auf dem Land sind begrenzt. Man geht davon aus, dass in weniger als einer Generation 70% aller Menschen auf der Erde in Metropolen wohnen werden. 16 Städte haben die 10 Millionen-Grenze bereits geknackt, die größten Städte der Welt – Mexiko-Stadt und Peking – gar die 20 Millionen-Grenze. Insgesamt gibt es unglaubliche 315 Millionenstädte weltweit – Tendenz steigend. Das Problem, das alle eint: Sie waren nie darauf ausgelegt, so viele Menschen zu versorgen, zu vernetzen und vor allem: zu transportieren! Während andere Systeme auch im Nachhinein noch ausgebaut und angepasst werden können, so stoßen die Verkehrssysteme – wenn sie denn auf Bodenniveau bleiben sollen – schnell an ihre Grenzen.

Die Metropolregion Mexico City erstreckt sich auf 7.866 km².

Die Metropolregion Mexico City erstreckt sich auf 7.866 km². ©ecco3d/Shutterstock.com

Von Down under bis Up in the air

Es gilt also neue Wege des „Urban Transport“ zu gestalten. So wie die einst 1863 in London eröffnete Metropolitan Railway als erste U-Bahn eine Revolution des öffentlichen Nahverkehrs einleitete, so verspricht der Einsatz von Seilbahnen im städtischen Raum ein enormes Potential für die Zukunft. Denn den Personentransport unter die Erde zu verlegen schafft zwar Platz auf den Straßen, allerdings sind die Kosten und der Aufwand von erheblichem Ausmaß – oftmals ist der Bau einer Untergrundbahn aber auch schlichtweg nicht möglich, sei es aufgrund des Grundwasserspiegels, ungeeignetem Untergrund oder aus Denkmalschutzgründen.

Dabei gibt es ein noch viel älteres Verkehrsmittel, das dem öffentlichen Personentransport dient – die Standseilbahn. Bereits im frühen 15. Jahrhundert zum Transport von Lasten genutzt, wurde 1845 bei den Niagarafällen eine Standseilbahn zum erstmaligen Transport von Personen eingesetzt. In Europa war Lyon 1862 der Vorreiter auf diesem Gebiet. In Budapest verkehrt bis heute die älteste erhaltene Standseilbahn in Europa auf originalen Gleisen.

1907 wurde die damals bereits seit 500 Jahren bekannte Form der Luftseilbahn zum Gütertransport im spanischen San Sebastián als erste Seilbahn allein für den Personentransport in Betrieb genommen, um den Monte Ulia zu erschließen. 1908 folgte die Kohlerer Bahn in Zwölfmalgreien bei Bozen, 1926 beispielsweise die Kreuzeckbahn in Garmisch-Partenkirchen. Vor allem der Tourismus förderte den Seilbahnbetrieb rund um den Globus – Beispiele sind die Skyrail Rainforest Cableway in Australien – auf 7,5 km Länge führt sie durch tropischen Regenwald – oder die Ngong Ping 360 – Touristenattraktion in Hongkong mit Kristall- oder Privatkabinen.

Die Seilbahn Ngong Ping 360 in Hongkong.

Die Seilbahn Ngong Ping 360 in Hongkong. ©LEITNER ropeways

Perspektiven

Dass die Seilbahn für den öffentlichen Personentransport im städtischen Umfeld bestens geeignet ist, zeigt sich an einigen Alleinstellungsmerkmalen. Das bezogen auf die Personenanzahl sicherste Verkehrsmittel der Welt garantiert Komfort, bietet barrierefreie Ein- und Ausstiegsmöglichkeiten, ist umweltfreundlich und leistungsfähig zugleich. Ob unterwegs mit Rollstuhl, Fahrrad oder Kinderwagen – kein Problem in den geräumigen Kabinen der neuen Modelle. Es gibt bereits Kabinen, in denen bis zu 230 Personen Platz finden. Dank modernster Dreiseiltechnik verläuft die Fahrt zudem äußerst ruhig und stabil – auch bei stärkerem Wind. Es gibt keine Emissionen, keinen CO2-Ausstoß: Beim Blick auf Städte in China aber auch überall sonst auf der Welt ein deutlicher Pluspunkt in Bezug auf die Luftqualität. Hinzu kommen der geräuschlose Betrieb und der geringe Platzbedarf auf dem ohnehin knappen und teuren Boden in den Städten. Und weil am Ende immer die Finanzen entscheiden: Auch hier schneiden die Seilbahnen – sowohl beim Bau als auch beim Betrieb – deutlich besser ab, als beispielsweise Straßenbahn oder Metro.

Barrierefreier Zugang zur Seilbahn in Koblenz, die im Zuge der Bundesgartenschau 2011 errichtet wurde.

Barrierefreier Zugang zur Seilbahn in Koblenz, die im Zuge der Bundesgartenschau 2011 errichtet wurde. ©Doppelmayr Seilbahnen GmbH

Paradebeispiele

Der Personentransport via Seilbahn funktioniert bereits hervorragend, wie einige erfolgreiche Beispiele belegen. Ob als innerörtliches Großverkehrsmittel oder im Linienverkehr mit der Peripherie, Seilbahnen überwinden mühelos starke Gefälle oder tiefe Schluchten. Südamerika übernimmt hierbei seit jeher eine Vorreiterrolle, was allerdings auch dem unkontrollierten und ungebremsten Ausufern der dortigen Städte zuzuschreiben ist. Dennoch, man hat einen Weg gefunden das Transportproblem in den Griff zu bekommen. 2004 wurden die Linien J und K der Metrocable der Metro de Medellín als erstes Transportmittel dieser Art in Kolumbien eingeführt. Weitere Beispiele sind die Rittner Seilbahn von Bozen nach Oberbozen oder das Vinpearl Cable Car in Nha Trang (Vietnam) zur Verbindung einer Insel mit dem Küstenort, außerdem die Seilbahnen von Algier (Algerien), die Portland Aerial Tram (USA), die Metrocable von Caracas (Venezuela), die beiden Pendelbahnen in Chongqing (China) über den Jangtsekiang und den Jialing sowie die Wolga-Seilbahn Nischni Nowgorod (Russland).

Metro de Medellín in Kolumbien.

Metro de Medellín in Kolumbien. ©LEITNER ropeways

Sehr bekannt und markanter Anblick in New York ist außerdem die bereits 1976 über den East River gespannte Roosevelt Island Tramway. Die Luftseilbahn verbindet Roosevelt Island mit Manhattan. Die ursprünglich als Übergangslösung geplante Pendelbahn erlangte so große Beliebtheit, dass sie bis heute in Betrieb ist – wenn auch seit 2010 in rundum erneuerter Form. Zwei einspurige Pendelbahnsystemen mit je einer Kabine verkehren nun parallel und unabhängig voneinander  zwischen Insel und Festland.

Zukunftsmusik

Interessante Projekte zum innerstädtischen Seilbahnbau sind derzeit eine Menge in Planung und Umsetzung. Und auch hier um eine Nasenlänge voraus: Südamerika. In Kolumbien soll in Cali eines der ärmsten Viertel der Stadt an das öffentliche Verkehrsnetz angebunden werden. Auch in Mexico City befindet sich eine sechs Kilometer lange Seilbahn über der Stadt im Entstehen. Und die Bewohner von La Paz in Bolivien dürfen sich bald mit der weltweit größten innerstädtischen Seilbahn fortbewegen. Diese Projekte sind sozial immens wichtig, denn sie verkürzen die Fahrzeiten drastisch und ermöglichen vielen bislang abgeschnittenen (armen) Menschen Zugang zu Bildung und Gesundheitsversorgung.

Die Línea Amarilla in La Paz ist Teil der „Mi Teleférico“, des größten urbanen Seilbahnnetzes der Welt.

Die Línea Amarilla in La Paz ist Teil der „Mi Teleférico“, des größten urbanen Seilbahnnetzes der Welt. ©Doppelmayr Seilbahnen GmbH

Dass es in unseren Breitengraden allerdings noch einige Vorurteile abzubauen gilt, zeigt sich beispielsweise an dem Votum der Hamburger Bürger gegen eine Seilbahn über die Elbe, in Bonn steht die Umsetzung der geplanten Seilbahn auf der Kippe und auch die Wattenmeerinsel Baltrum wurde letztendlich aufgrund der Ablehnung der Bevölkerung nicht wie geplant auf dem Luftweg mit dem Festland verbunden.

Dennoch – auch in Europa tut sich was in den verkehrsgeplagten Städten. Smog, Lärm, Parkplatznot und die hohen Betriebskosten der bisher genutzten öffentlichen Verkehrsmittel öffnen immer mehr Kommunalpolitikern und Städteplanern die Augen für diese bis dato kaum beachtete 3. Dimension: Der Luftraum wird zum Leben erweckt. Bereits 2012 wurde in London eine Gondelbahn über die Themse gespannt, in Berlin wird anlässlich der Internationalen Gartenausstellung 2017 eine 1,5 Kilometer lange Seilbahn entstehen. Auch in Linz und Graz denkt man zumindest über eine Stadtseilbahn nach, in Wien wird aktuell über eine Seilbahn von der Donauinsel auf den Kahlenberg diskutiert und in Rom werden Stimmen nach einer luftigen Verbindung der Vororte mit dem Zentrum laut. In Brest ging erst vor Kurzem die erste Pendelbahn Frankreichs in Betrieb, die in den öffentlichen Verkehr integriert ist. Eine Weltneuheit: Die ästhetisch gelungenen Design-Kabinen kreuzen sich nicht nebeneinander, sondern übereinander – das  spart dank einer einzigen Kabineneinfahrt nicht nur Fläche beim Bau der Stationen, sondern zusätzlich auch Kosten. Hier geht es zum Video.

Man darf in jedem Fall gespannt sein, was sich in Zukunft auch außerhalb der Skipisten bald über unseren Köpfen in luftigen Höhen abspielen wird. Denn mehr Grünflächen, verkehrsfreie Zonen und abgasfreie Luft zum Atmen in den Städten wünschen wir uns wohl alle für uns und unsere Kinder.

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