Rettung aus höchster Not

Die Seilbahn gilt als das sicherste Verkehrsmittel. Nur äußerst selten ereignen sich schlimme Unfälle. Dass eine Seilbahngondel dennoch in Not geraten kann, sollte nicht verschwiegen werden. Mittlerweile aber handeln die Seilbahnbetreiber nach ausgefeilten Rettungsstrategien. Vom Abseilen bis zur integrierten Bergung.

Das beschauliche Reisen hoch oben über Täler und Flüsse ist beliebter denn je. So entstehen weltweit zahlreiche neue Seilbahnanlagen, die den Tourismus schneller, höher und komfortabler auf die Gipfel bringt. Ein Beispiel der Superlative ist dabei die derzeit weltweit höchste Gondelbahn. Sie wird am Dagu Glacier in China betrieben und führt bis auf 4.843 Meter hinauf. Die längste Seilbahn der Welt hingegen befördert mit einer Geschwindigkeit von 10 km/h beschaulich bis zu 4 Personen über die 13.163 Meter zwischen Örträsk und Mensträsk. Die Fahrt im südlichen Lappland in der Gemeinde von Norsjö dauert im Übrigen 90 Minuten.

Doch nicht nur Höhen- beziehungsweise Weitenrekorde bestimmten die Entwicklung moderner Seilbahnsysteme. Wesentliche Fortschritte gab es auch bei der technischen Ausrichtung – vor allem während der zurückliegenden drei Jahrzehnte. Wurden beispielsweise in den 1970er Jahren knapp 700 Personen pro Stunde in einer Seilbahn befördert, haben sich die Kapazitäten bis heute um ein Vielfaches erhöht. Vor allem Umlaufseilbahnen sind als Stetigförderer sehr leistungsfähig und können je nach Seilbahntyp eine maximale Transportkapazität von 5.000 Personen pro Stunde und Richtung aufweisen.

Das Abseilen aus einer Gondel wie hier am Schneefernerhaus ist noch immer Standard bei einer Rettungsmaßnahme.

Das Abseilen aus einer Gondel wie hier am Schneefernerhaus ist noch immer Standard bei einer Rettungsmaßnahme. ©Tüv Süd

Seilbahnen sind weltweit die sichersten Verkehrsmittel

Angesichts dieser Entwicklung stellt sich die Frage nach der Verkehrssicherheit solcher Großprojekte. Doch hier beruhigt Hans-Ulrich Zbil, Leiter der Prüfstelle für Seilbahnen der TÜV SÜD Industrie Service GmbH in München: „Seilbahnen zählen zu den sichersten Verkehrsmitteln der Welt“, erklärt er. Dies verdeutlicht auch eine Auswertungen des statistischen Bundesamtes Wiesbaden. Eine 2011 durchgeführte Studie zur Unfallerhebung ergab, dass bei Seilbahnen nur alle 17,1 Millionen Kilometer ein Unfall auftritt. Weniger Abstrakt wird das Schweizer Bundesamt für Statistik. Es meldet für 2015 einen Toten und acht Schwerverletzte, darunter drei Fahrgäste bei etwa 300 Personenkilometern im Jahr.

Wird allerdings die gemeinsame Basiszahl „Anzahl der Beförderungskilometer“ durch die „Anzahl der Beförderungen“ ersetzt, wären Seilbahnen im Vergleich sogar mit Abstand als das sicherste Verkehrsmittel zu bewerten. Damit dies so bleibt, weist Zbil darauf hin, dass „die Betreiber nicht nur den richtigen Umgang mit den Anlagen lernen, sondern dass sie auch das Verhalten ihres Bedienpersonals und ihrer Fahrgäste im Blick behalten müssen“. Immerhin zeigt die Unfallstatistik, dass der Faktor Mensch – das Fehlverhalten von Fahrgästen oder die Unachtsamkeit des Bedienpersonals – die häufigste Fehlerursache ist.

Neue Seilbahnrichtlinie ab 2018

Auch aus diesem Grund sieht die neue EU-Verordnung 2016/424 im Übrigen einen neuen Rechtsrahmen für die Vermarktung und CE-Kennzeichnung von Teilsystemen und Sicherheitsbauteilen für Seilbahnen vor. Sie löst zum 21. April 2018 die bisher geltende Seilbahnrichtlinie (2000/9/EG) ab und regelt nicht nur die Zuständigkeit im Betrieb, sondern unter anderem auch Bußgeld- und Straftatbestände. Laut der Brüsseler Behörde können die Ursachen für Seilbahnunfälle „mit der Wahl des Standorts, dem Beförderungssystem, mit den Bauwerken oder mit der Art des Betriebs und der Wartung der Seilbahnen zusammenhängen“.

Dazu gehören zwar auch Blitzeinschläge. Doch an dieser Stelle geben Experten Entwarnung. Die Seile aller modernen Seilbahngondel werden nämlich über gummigefütterte Rollen geführt. Ein Erdschluss kommt also nicht zustande. Und so haben folgende Ereignisse Gefahrensituationen zur Folge, die allerdings durch die Sicherheitsanforderungen dieser Europäischen Norm vermindert oder vermieden werden:

  1. Versagen eines Bauteiles einer Anlage (Bruch, Funktionsstörung oder Ausfall)
  2. Störungen im Zusammenwirken der Bauteile einer Anlage untereinander oder mit der Umgebung
  3. Fehlverhalten von Personen (beförderte Personen, Personal oder Dritte)
  4. Vorhersehbare Einwirkungen von außen (zum Beispiel verursacht durch Lawinen, Bergrutsch, Steinschlag, Blitzschlag, Pistengeräte, Luftfahrzeuge)
Technische Ausfälle während des Seilbahnbetriebs führen äußerst selten zu gefährlichen Situationen. In der Regel vereiste Seile oder aber äußerst starke Windböen.

Technische Ausfälle während des Seilbahnbetriebs führen äußerst selten zu gefährlichen Situationen. In der Regel vereiste Seile oder aber äußerst starke Windböen. ©Tüv Süd

Ein Hängenbleiben ist immer möglich

Die Ergebnisse stammen aus dem Projektbericht „Sicherheitsanalyse und Risikovergleich von Zweiseil-Pendelbahnen mit und ohne Tragseilbremse“, welcher vom Bayerischen Staatsministerium für Wirtschaft, Infrastruktur, Verkehr und Technologie in Auftrag gegeben wurde und der der Redaktion vorliegt. Eine genaue Durchsicht offenbart, dass ein Absturz zwar möglich ist, dies aber äußerst unwahrscheinlich ist. So verweist etwa Ekkehard Assmann von Doppelmayr auf das Unglück vom 3. Februar 1998, als ein Militärflugzeug im Tiefflug das Tragseil einer Seilbahn in Cavalese, Italien, kappt. In der Regel aber bleibt eine Seilbahn nur stehen.

Und das passiert am häufigsten, wenn der Strom ausfällt, weiß Assmann. Weitere mögliche Gründe sind ein Verheddern beziehungsweise Verdrehen der Seile wie es unter anderem bei zu starkem Wind oder aber durch Vereisung auftreten kann. So geschehen Anfang September vergangenen Jahres am Montblanc. Mehrere Stunden mussten 33 Menschen in 3.800 Metern Höhe in den Gondeln verbringen. Eine lange Zeit. Dabei gelingt es der Bergwacht in der Regel innerhalb von drei Stunden die Insassen zu bergen. Schlechte Wetterbedingungen aber können dem Zeitplan einen Strich durch die Rechnung machen.

Wie gelingt die Rettung aus einer Seilbahngondel?

Der Einsatz von Hubschraubern ist bei starken Windböen, Nebel oder einer tiefliegender Wolkendecke nämlich kaum möglich.  Also muss ein Retter von der nächstgelegen Stütze am Tragseil hängend mittels Karabiner Richtung Kabine rutschen. Ein mühsames und beschwerliches unterfangen, bis vor mehr als 40 Jahren Techniker der Ortsgruppe Freiburg ein Seilbahnbergungsgerät entwickelt haben. Ausgestattet mit zwei Rollen wird es auf das Tragseil gesetzt. Damit kann der gesicherte Retter bequem zur Gondel abfahren und dank Bergungsausrüstung bei jedem Wetter in angemessener Zeit eine vollbesetzte Bahn räumen.

Dank eines selbstfahrenden Seilfahrgeräts können die Insassen einer Gondel in der Regel innerhalb von drei Stunden geborgen werden.

Dank eines selbstfahrenden Seilfahrgeräts können die Insassen einer Gondel in der Regel innerhalb von drei Stunden geborgen werden. ©Immoos

Die logische Weiterentwicklung ist das selbstfahrende Seilfahrgerät wie es vor Kurzem Immoos vorgestellt hat. Laut dem Unternehmen kann mit dem SS1 ein Retter die Bergung alleine durchführen. „Früher brauchte es einen zweiten Retter, welcher den Erstretter am Seil mittels einer Seilbremse zurückgebremst hat. Die Kommunikation war schwierig, zudem wurden teilweise sehr lange Seile benötigt“, erklärt uns Florian Immoos. Ausgestattet mit einem Motor-Antrieb können auch Steigungen bis 20° bergwärts befahren werden.

Integrierte Bergung statt Abseilen

Weitaus komfortabler als Abseilen ist allerdings ein spezielles Bergungs- beziehungsweise Räumungskonzept. Erstmals umgesetzt für die 2. Teilstrecke der Gaislachkoglbahn. Anstatt die Insassen durch Abseilen oder mit Hilfe von Bergebahnen aus der still stehenden Seilbahn in Sicherheit zu bringen, sollen die Gondeln in jedem Fall in eine der beiden Stationen zurückgefahren werden. Die dadurch erforderlichen organisatorischen und konstruktiven Maßnahmen sind einmalig. So muss sichergestellt werden, dass die Zugseilschleife mit den Fahrzeugen immer bewegt werden kann. Die Fahrgäste können also in den Kabinen sitzen bleiben. Doppelmayr spricht von der „integrierten Bergung“.

Neuentwicklungen erlauben mittlerweile die effektive Seilbahnrettung. Selbst ein Bergretter könnte die Insassen sicher bergen.

Neuentwicklungen erlauben mittlerweile die effektive Seilbahnrettung. Selbst ein Bergretter könnte die Insassen sicher bergen. ©Immoos

Titelbild: Bei extremen Wetterbedingungen, wie hier in Mittenwald, kann eine Rettung aus der Gondel mitunter lange dauern. Weil Hubschrauber nicht fliegen dürfen, nähern sich Retter über das Zugseil. ©Andreas Burkert


Andreas Burkert

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Dipl.-Ing. (FH) Andreas Burkert ist seit Anfang 2000 als Redakteur  für verschiedene Fach- und Publikationsmagazine aktiv. Er ist unter anderem Korrespondent einer Autofachzeitschrift und Buchautor. Er war Chefredakteur des Fachmagazins für das Kraftfahrzeughandwerk Krafthand, verantwortlicher Redakteur bei Automobil Elektronik, Automobil Produktion und Elektronik.

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