Skifahren in Coronazeiten – Der TVB Paznaun-Ischgl im Interview über ein Jahr Pandemiebetrieb

Am 5. März 2020 tritt Österreich mit Ischgl weltweit in die Schlagzeilen. An diesem Tag wird der Skiort von den isländischen Behörden als Corona-Risikogebiet eingestuft und medial zu einem „europäischen Hotspot“ der beginnenden Coronakrise in Europa auserkoren. Es folgten Verunsicherung, Lockdown und Quarantäne.
Die Welt ist seit gut 13 Monaten eine andere geworden. Noch immer hält ein Virus die Menschen, das gesellschaftliche Zusammenleben sowie die Weltwirtschaft in Atem.

Ein Jahr ist mittlerweile seit dem ersten Lockdown vergangen. Wir haben Andreas Steibl, Geschäftsführer vom Tourismusverband Paznaun-Ischgl, um seine Gedanken und ein ausführliches Résumé der abgelaufenen Wintersaison gebeten.

Herr Steibl, diese Saison werden wir wohl nie vergessen. Bergbahnen wie See, Kappl und Galtür blieben zwar diesen Winter für Wintersportler und -sportlerinnen unter Auflagen und mit Unterbrechungen geöffnet. Gastronomie und Hotels blieben jedoch aufgrund behördlicher Vorgaben die gesamte Wintersaison über geschlossen. Wie hat sich das generell auf Ihre Besucherzahlen im Paznauntal ausgewirkt? Kann man noch von einer Wirtschaftlichkeit sprechen?

Wir werden nicht nur diese Saison, sondern generell die weltweite Gesundheitskrise, die für unsere Generation eine bisher unbekannte Dimension erreicht hat, nie vergessen. Niemand, kein Land und kein Ort der Welt, war auf eine derartige Situation vorbereitet. Noch heute werden wir mit laufend neuen Entwicklungen und Erkenntnissen über das Virus konfrontiert. So konnten letztendlich – trotz akribisch vorbereiteter Gesundheits- und Sicherheitsmaßnahmen – in diesem Winter keine Gäste in Ischgl begrüßt werden. Gleichzeitig sind wir froh, dass es uns dennoch gelungen ist, in See, Kappl und Galtür Skifahrerlebnisse für die Einheimischen zu ermöglichen. Angesichts der perfekten Schnee- und Pistenbedingungen und des traumhaften Wetters bei gleichzeitig ausbleibenden Gästen aus dem Ausland blutet uns natürlich das Herz. Denn es ist eine Tatsache, dass die mit dem Ausfall der touristischen Wintersaison verbundenen wirtschaftlichen Herausforderungen für alle Betriebe enorm sind. Fakt ist, dass der Tourismus für die Wertschöpfung im gesamten Alpenraum von zentraler Bedeutung ist und durch die Corona-Pandemie stark betroffen ist. Wir leben nicht zu 100, sondern 110 % vom Tourismus, das muss man ganz klar sagen. Aber – und das haben wir immer betont – die Gesundheit von Gästen, Mitarbeitern und Einheimischen steht über allem.

Welche Corona-Vorkehrungen haben Sie in den Skigebieten außerhalb der gesetzlichen Vorkehrungen wie Abstandsregelungen, FFP2-Masken- und Testpflicht getroffen?

Alle Betriebe im Paznaun haben sich intensiv auf diese Wintersaison vorbereitet. In den Paznauner Skigebieten See, Kappl und Galtür der noch verbleibenden Wintersaison etwa laufende Desinfektionsmaßnahmen mittels Kaltvernebelungsgeräten unternommen, dasselbe hätte auch bei einer Skibetriebsaufnahme in Ischgl stattgefunden. Die Silvrettaseilbahn AG hat zudem rund 700.000 € in neue Gesundheits- und Sicherheitsstandards, wie einem neu entwickelten Kamerasystem bei den Anstehbereichen der drei Zubringerbahnen, investiert. Dieses System trägt dazu bei, dass auf eng zusammenstehende Personengruppen schnell reagiert werden kann. In der kommenden Sommersaison sowie in der nächsten Wintersaison werden die Kameras jedenfalls zum Einsatz kommen. Weiters haben wir bereits im Sommer 2020 in Ischgl eine örtliche Gäste-Screeningstation erfolgreich betrieben und die Möglichkeit zu einer freiwilligen Testung angeboten. Die Screeningstation wäre auch in dieser Wintersaison betrieben worden und wird voraussichtlich auch in der bevorstehenden Sommersaison zur Verfügung stehen.

In Vorbereitung auf einen eventuellen Gastrobetrieb in diesem Winter wurde eine neue App pro Ort im Paznaun entwickelt, die mittels einer einmaligen Registrierung funktioniert. Dabei erhält jeder registrierte Nutzer einen personalisierten QR-Code für den einfachen und schnellen Eintritt in Gastronomiebetriebe. Auch diese Funktion wird im Sommer weiterhin verfügbar sein. Ein weiterer Bestandteil unseres Sicherheitskonzepts ist die SAFE SERVICE Zertifizierung, bei der Mitarbeiter regelmäßig mithilfe einer Lern-App über Gesundheits- und Sicherheitsmaßnahmen geschult werden. Weiters tragen laufende Abwassertests mit hoher Genauigkeit zur Früherkennung potenzieller Infektionen bei. Unabhängig von der aktuellen Gesundheitskrise möchten wir den „Partytourismus“ mit Blick auf die qualitätsvolle Weiterentwicklung unseres Wintersportangebots anpassen. Wir wissen, dass wir dieses Angebot noch qualitativer gestalten können. In diesem Zusammenhang wurde bereits ein Alkoholverbot auf öffentlichen Plätzen in Ischgl beschlossen. Dieses Bündel an Maßnahmen untermauert unseren Anspruch, eine der sichersten Destinationen im Alpenraum zu sein.

Zusätzliche Vorkehrungen, Angebote und Mitarbeiter, die für die Einhaltung der Maßnahmen sorgen kosten auch zusätzlich – wird sich das zukünftig in den Ticketpreisen widerspiegeln?

Natürlich ist der Aufwand für die Gesundheitsmaßnahmen kostspielig. Dieser wird aber nicht weitergegeben. Hier geht es um Gesundheitsprävention, das ist eine Verantwortung, die wir übernehmen. Alle Maßnahmen werden von den jeweiligen Institutionen getragen – von den Skigebieten im Paznaun, dem Tourismusverband und von den Gemeinden.

Trotz aller Maßnahmen – Zeitungen wie der Merkur titelten „Trotz Lockdown Skigebiete in Österreich völlig überfüllt“. Wie sah es in den geöffneten Skigebieten im Paznaun aus? Denken Sie, dass Ihre Konzepte gegriffen haben? Und wie wurden diese von den Gästen aufgenommen?

Unser Ziel war und ist es, unseren Gästen ein maximal sicheres Urlaubserlebnis zu ermöglichen. Alle Betriebe im Paznaun haben, wie bereits erläutert, umfangreiche Gesundheits- und Sicherheitsmaßnahmen gesetzt und enorme Anstrengungen und Kosten auf sich genommen. So kam es in den geöffneten Skigebieten in See, Kappl und Galtür zu keinen Clusterbildungen – das bestätigt jedenfalls, dass die umfangreichen Sicherheitskonzepte gegriffen haben und Skifahren bei uns eine sichere Freizeitaktivität darstellt. Zudem unterstreicht das positive Feedback der Einheimischen, wie bedeutend es ist, dass man den Menschen – trotz Lockdown und Corona-Maßnahmen – Skifahrerlebnisse ermöglicht. Es hat sich einmal mehr gezeigt, wie wichtig körperliche Aktivitäten für die eigene Psyche sind – wir sind froh, dass wir mit einem Skibetrieb in See, Kappl und Galtür, den Langlaufloipen zwischen Ischgl und Galtür, sowie den betreuten Winterwanderwegen und Eislaufplätzen, ein breites Freizeitangebot für die Einheimischen aufstellen konnten.

Nun zur Frage, die viele beschäftigt: Am 3. März 2021 wurde endgültig verkündigt, dass die Silvrettabahnen/Ischgl in der Wintersaison 20/21 nicht mehr aufsperren. Warum wurden in Ischgl den gesamten Winter lang Pisten präpariert, obwohl die Skilifte dann doch nicht aufgesperrt haben? Bleibt Ischgl wegen dem Ausbleiben von Touristen aus dem Ausland geschlossen? Sind für Ischgl einheimische Pistenskifahrer und -fahrerinnen nicht wichtig? Oder ist dies einfach eine Reaktion auf die Geschehnisse während der letzten Saison?

Zunächst möchte ich nochmals betonen, dass die Gesundheit von Gästen, Mitarbeitern und Einheimischen oberste Priorität hat. Nach wie vor handelt es sich um die größte Gesundheitskrise. Nicht nur die ausbleibende Planungssicherheit, sondern insbesondere unterschiedliche Vorschriften in Österreich und der Schweiz sowie Quarantäneregelungen und Reiserestriktionen begleiteten uns seit Monaten und haben gegen eine Öffnung des grenzüberschreitenden Skigebiets in diesem Winter gesprochen. Gleichzeitig war es allen Verantwortlichen eine Herzensangelegenheit trotzdem Wintersporterlebnisse im Paznaun für Einheimische zu ermöglichen. Hierfür bekamen wir auch großen Zuspruch aus der Bevölkerung. Hinsichtlich der Pistenpräparierung sei noch erwähnt, dass wir bis zuletzt auf eine Skibetriebsaufnahme in Ischgl gehofft haben. Deshalb war es notwendig, für einen eventuellen Skibetriebsstart vorbereitet zu sein und dazu braucht es entsprechende Pistenpräparierungen.

Denken Sie, dass die Causa Ischgl und darauf folgende Medienschelte dem österreichischen Skitourismus und der Seilbahnwirtschaft, und vor allem dem Paznaun nachhaltig geschadet haben?

Diese Pandemie hat uns mit voller Wucht getroffen, vergleichbar mit einer unvorhersehbaren Naturkatastrophe. Wir müssen erkennen, dass kein Land, kein Ort auf eine derartige Ausnahmesituation umfassend vorbereitet war. Wir sollten endlich damit aufhören, mit Fingern aufeinander zu zeigen, oder permanent Schuldzuweisungen vorzunehmen und stattdessen einen Zusammenhalt leben, um diese Krise gemeinsam zu meistern. Auch wir – die Einheimischen – waren und sind von den Ereignissen gezeichnet. Viele Freunde, Arbeitskollegen und Familienmitglieder erkrankten an diesem Virus. Gleichzeitig haben wir stets betont: Es tut uns aufrichtig um jeden sehr leid, der erkrankt ist – um unsere Gäste, unsere Mitarbeiter und die Einheimischen, die unter den Auswirkungen dieser weltweiten Pandemie leiden. Wir haben jedenfalls aus den Erfahrungen des vergangenen Winters gelernt und mit unserem umfangreichen Gesundheitsmanagement bewiesen, dass wir eine der sichersten Destinationen im Alpenraum sind.

Wie will sich die Marke Ischgl zukünftig positionieren?

An der erfolgreichen Positionierung als führende Wintersportmarke werden wir grundsätzlich nichts verändern. Unabhängig von der aktuellen Gesundheitskrise haben wir aber schon davor die qualitätsvolle Weiterentwicklung unseres Wintersportangebots ständig vorangetrieben – etwa mit einem nächtlichen Skischuhverbot. Zudem haben wir für diesen Winter ein Alkoholverbot auf öffentlichen Plätzen beschlossen, um den „Partytourismus“ einzudämmen. Generell ist das Hauptbuchungskriterium für einen Aufenthalt in Ischgl nicht „Party machen“, sondern ganz klar das außergewöhnliche Skifahrerlebnis. Wir sind davon überzeugt, dass sich die Menschen weiterhin nach einem Winterurlaub sehnen, denn Skifahren ist und bleibt eines der schönsten Freizeiterlebnisse. Dabei bieten wir mit unserer wunderschönen Bergkulisse und unserem Top-Skigebiet die besten Voraussetzungen für ein einzigartiges Urlaubserlebnis.

Welche Kommunikationsstrategien wurden im vergangenen Winter von Ihnen entwickelt? Wie nehmen Sie den Gästen etwaige Verunsicherungen in puncto Ansteckungsrisiko?

Eigentlich hätte die Wintersaison in Ischgl am 26. November 2020 mit einer Vielzahl von Interviewterminen samt Einblicken zu den getroffenen Sicherheits- und Gesundheitsmaßnahmen beginnen sollen. Unterschiedliche Vorschriften in Österreich und der Schweiz sowie Lockdowns, Reiserestriktionen, Quarantäneregelungen erforderten aber mehrmalige Verschiebungen des geplanten Saisonauftakts und schlussendlich eine Absage der Skisaison in Ischgl. In unserer Kommunikation legten wir den Fokus darauf, unsere Gäste, Mitarbeiter, Vermieter und Einheimische über die getroffenen Gesundheits- und Sicherheitsmaßnahmen zu informieren sowie die allgemein geltenden bundesweiten Hygienerichtlinien und deren Aktualisierungen entsprechend weiterzugeben. Wir wären jedenfalls startklar gewesen und hätten gerne bewiesen, dass wir unserem Anspruch eine der sichersten Destinationen im Alpenraum zu sein, gerecht geworden sind. Das werden wir nun mit Blickrichtung Sommersaison, sowie in der nächste Wintersaison 21/22, die am 25. November startet, beweisen.

Wie entgegnen Sie Verunsicherungen vieler Touristen mit Blick auf Stornierungsmöglichkeiten und weiteren Absicherungen?

Im Falle einer offiziellen Reisewarnung kommen in der Regel kostenlose Stornobedingungen zur Geltung. Zudem empfehlen wir für die kommende Sommersaison den Abschluss einer Reiseversicherung. Diese versichert nunmehr Covid-19 Erkrankungen, wie jede andere unerwartete schwere Erkrankung auch. Unsere Unterkünfte bieten bereits bei Reservierung die Europäische Reiseversicherung an und sind bei Fragen auch jederzeit für unsere Gäste da.

Wie sieht Ihre Prognose für den Sommertourismus 2021 aus? Blicken Sie optimistisch in die Zukunft?

Es muss und wird weitergehen – wir fokussieren uns jetzt mit vollem Elan auf die bevorstehende Sommersaison. Sobald die allgemeinen Rahmenbedingungen – etwa die Aufhebung von Lockdowns, Rückgang der Infektionszahlen und Rücknahme von Reisewarnungen – eine unkomplizierte Anreise ermöglichen, werden viele Gästebuchungen eintreffen. Unsererseits bedarf es diesbezüglich in den nächsten Monaten einer hohen Flexibilität bei der Handhabung kurzfristiger Buchungsanfragen.

Wie bereiten sich die Bergbahnen auf den kommenden Sommer vor? Welche Hygiene- und Sicherheitskonzepte wurden erarbeitet? Wie flexibel können Sie auf Änderungen in der Corona-Situation reagieren?

Die Sommersaison 2020 – ohne Cluster bei uns im Paznaun – hat bereits gezeigt, dass wir als verantwortungsvolle Gastgeber agieren. Diesen Weg haben wir mit einem umfangreichen Maßnahmenkatalog für diesen Winter fortgesetzt und wir werden auch für den kommenden Sommer alles daransetzen, um unseren Gästen ein maximal sicheres und entspanntes Urlaubserlebnis zu ermöglichen. So werden die bereits gesetzten Sicherheits- und Gesundheitsstandards für den Winter 20/21 in vielen Punkten auch im Sommer fortgeführt. In puncto Flexibilität und Anpassungsfähigkeit haben die geöffneten Skigebiete im Paznaun in der heurigen Wintersaison gezeigt, dass man in kürzester Zeit imstande ist, sich an laufend ändernde Vorgaben – siehe FFP2-Maskenpflicht, Reduktion der Personenanzahl in den Gondeln und Testmöglichkeiten vor Ort – anzupassen. Wir können garantieren, dass unsere Betriebe auch im Sommer wieder bestens vorbereitet sein werden und sich darauf freuen unsere Gäste bei uns begrüßen zu können.

Denken Sie, dass sich der Ski-und Winterurlaub in Zukunft verändert?

Einzigartige Skifahrerlebnisse werden auch im nächsten Winter gefragt sein. Die positive Resonanz, die wir auf Social Media und Co. bekommen, stimmt uns gemeinsam mit den vielen zusprechenden Nachrichten unserer Stammgäste zuversichtlich für die nächste Wintersaison 21/22. Vonseiten der Gäste spüren wir diesbezüglich eine große Sehnsucht und einen Nachholbedarf an Winterurlaubserlebnissen. Die impulsive Landschaft und unser weitläufiges, modernes Top-Skigebiet mit einer täglich präparierten Pistenfläche von 500 Hektar bieten hierzu die idealen Voraussetzungen.

Abschließend – wie schaut der typische Skigast nach der Pandemie in Ihren Augen aus?

Verallgemeinerungen wären an dieser Stelle fehl am Platz. Vielmehr geht es um ein vielseitiges Gesamtpaket, das eine Region seinen Gästen bietet. So bieten wir in Ischgl neben 239 Pistenkilometern beinahe ebenso viele Möglichkeiten für Wintersport abseits der Piste inmitten von unberührter Natur. Für Langläufer – vom Anfänger bis zum Profi – stellt das 73 Kilometer lange und für alle Schwierigkeitsgrade konzipierte Loipennetz Trainingsvoraussetzungen dar. Für Wanderbegeisterte erstreckt sich ein Winterwander-Wegenetz von über 60 Kilometern durch die Paznauner Naturlandschaft – dabei gibt es sowohl unberührte Wege, als auch solche, die bestens präpariert und für jedermann erschlossen sind. Für actionbegeisterte Nachtaktive empfiehlt sich eine Rodelpartie auf der sieben Kilometer langen Nachtrodelbahn in Ischgl. Mit 950 Höhenmetern ist sie eine der längsten Strecken ihrer Art in den Alpen. Mindestens ebenso erlebnisreich ist eine Talabfahrt mit der Flying-Fox-Anlage Ischgl Skyfly. Und wer es ruhiger mag, findet in den weitläufigen Wellnessanlagen der Hotels Raum für Entspannung. Insofern richten wir unser Angebot an begeisterte Wintersportler und jene Gäste, die sich nach einem erholsamen und entspannten Winterurlaub mit einer Top-Hotellerie und einer ausgezeichneten Kulinarik sehnen.

Sehr geehrter Herr Steibl, wir danken für das Gespräch!

 

Fotocredit: TVB Paznaun-Ischgl