TOURISMUS SANFT: Wer kann ihn, wer will ihn, Wie entwickelt man ihn?

In Zeiten von Corona spricht man viel über die Notwendigkeit einer Neuorientierung des Tourismus. Das Tourismusangebot und dessen Nutzung seien zu heftig, zu massiert, zu übertrieben in jeder Hinsicht, etc., etc.

Selbstdeklarierte Naturschützer sehen jetzt vermehrt die Chance, mit der Forderung nach sanftem Tourismus Aufmerksamkeit zu erhaschen. Sie beschreiben diese neue Ausrichtung als natur- und umweltschonend, ohne ein seriöses Konzept vorzulegen, geschweige denn, die wirtschaftlichen Auswirkungen zu untersuchen.

Es sei erlaubt, eine provokante Frage zu stellen:

Wer will denn überhaupt diesen sanften Tourismus? Die Urlauber, die mit Freude das gegenwärtige breit gefächerte Angebot im Sommer, wie im Winter, in den Bergen, wie am Meer intensiv nutzen und dafür bereit sind, viel Geld auszugeben? Die Hoteliers, Gastwirte, Seilbahnbetriebe, Wellnesszentren, Fluglinien, die mit hohen Investitionen die vom Kunden gewünschte Infrastruktur geschaffen haben und diese nur mit möglichst voller Auslastung amortisieren können? Die nachgelagerten Betriebe, die die Tourismusbetriebe mit Waren und Dienstleistungen beliefern? Die Zigtausenden Beschäftigten, die Tag und Nacht für die Touristen da sind und deren Job ihre Existenz bedeutet ? Die Gemeinden, Länder, Staaten, die aus den Tourismusumsätzen ein hohes Aufkommen an Steuern und Abgaben lukrieren?

Ich wage zu behaupten, dass keiner der oben genannten Gruppen den Tourismus radikal ändern kann und will. Nachhaltigkeit bedeutet irgendwo Enthaltsamkeit. Wer akzeptiert diese in genau dem kurzen Abschnitt des Jahres, in dem er sich ausleben, erholen, Kraft tanken für den wiederkehrenden täglichen Arbeitsstress und – mit Verlaub – einmal auf den Putz hauen will? Und alle die, die den sanften Tourismus jetzt schon schätzen, können diesen ungehindert und so gar mit immer größer werdendem Angebot ausüben.

Und es wird noch ein bekanntes Phänomen auftreten:
Wenn mit der Coronakeule und der damit zweifelsohne erkennbar gewordenen Verwundbarkeit der Menschheit unseriös, vielleicht sogar seriös der Wandel zur Besinnlichkeit, Vorsicht und Bescheidenheit den Menschen eingetrichtert wird, gibt es mit Sicherheit allgemeine Zustimmung. Im Hinterkopf eines jeden Einzelnen keimt aber sofort der Gedanke: warum gerade ich? Ich mache als Einzelner doch nichts aus mit gerade zwei Wochen Ferien im Jahr, vielleicht 1000 km Reiseweg, 5 Besuchen in der Après-Ski Bar oder der Strandbar? Sollen doch die anderen einmal damit anfangen, dann kann ich mir das ja einmal anschauen.

Aber wer kann wirklich etwas bewegen?

Vorab wieder skeptisch: sicher nicht die vielen teilweise selbsternannten Tourismus-Strategen oder Experten, deren Kommentare, Konzepte, Ratschläge derzeit wie Schwammerl aus den Medien schießen; auch nicht die Naturfundamentalisten, die jetzt die große Bühne für ihre Auftritte wittern.

Um mittel- und langfristig eine Änderung des Urlaubsverhaltens zu erreichen und der Tourismuswirtschaft die Chance zu geben, sich behutsam und ohne negative Folgen für ihre Existenz daran anzupassen, bedarf es einer professionellen Strategie, in deren Erstellen alle Parteien einzubinden sind. Vor allem auch die Politik, weil sie die Möglichkeit hat, vorsichtig regulativ einzugreifen. Ich nenne hier nur das Beispiel der Gestaltung der Ferienzeiten, die seit Jahrzehnten diskutiert und deren Notwendigkeit übereinstimmend argumentiert wird, die aber
defacto nicht passiert. Das sehen wir ja schon am Thema Verkehr. Dieses Problem muß ein klassisches Aufgabengebiet der EU werden, zumal jeder regionale oder nationale Alleingang zum Scheitern verurteilt ist. Nur eine europaweite verbindliche Einhaltung von gestaffelten und in kürzere Zeitabschnitte verteilten Ferien kann verhindern, daß sich halb Europa an einigen wenigen Wochenenden im Sommer durch ganz Europa und im Winter in die Alpenregionen wälzt. Allein diese Maßnahme würde zu einer mengenmäßigen Entflechtung der Tourismusfrequenzen zu und in den Ferienregionen führen und die Basis für weitere Maßnahmen bilden. Aber leider beschränkt sich die EU und deren Verkehrskommissariat auf die längst überholte Verkehrsfreiheit und übersieht die verlorengehende Atmungsfreiheit in vielen Regionen.

Zu allerletzt noch eine kritische Anmerkung:
Warum wird ausgerechnet der Tourismus mit dem Thema Nachhaltigkeit verunglimpft? Gibt es nicht wesentlich gefährdendere Bereiche, die eine Neuorientierung der Politik, Gesellschaft und Wissenschaft erfordern, wie Klima, Abfall, Zerstörung der Natur, und aktuell Pandemien? Kein Zweifel, die gibt es, aber zu deren nachhaltiger Bewältigung leider nur viele Lippenbekenntnisse.