Urbane Seilbahnen – Teil II

Meist werden Seilbahnen mit hohen Bergen, Wandern und Skifahren assoziiert. Doch sind sie nur ein touristisches Naturerlebnis oder auch eine echte zukunftsorientierte Lösung für den städtischen Nahverkehr? In unserer dreiteiligen Reihe berichten wir, wann Stadtseilbahnen öffentliche Verkehrskonzepte sinnvoll ergänzen können, welche Vorteile und Herausforderungen urbane Seilbahnen mit sich bringen und wo außergewöhnliche Stadtseilbahnprojekte bereits erfolgreich umgesetzt wurden.

 

Teil 2: Urbane Seilbahnen – Städte in der Schwebe

 

Der Straßenverkehr vieler Städte ist am Limit – Staus und Verkehrschaos stehen vielerorts auf der Tagesordnung. Seilbahnen könnten einen erheblichen Teil des Stadtverkehrs in die Luft verlegen und damit tägliche Verkehrsinfarkte verhindern. Doch trotz Stauproblematik und hohen, verkehrsbedingten Schadstoffbelastungen, stehen vor allem in Europa geplante städtische Seilbahnprojekte in der Schwebe. Daher gilt zu klären, ob Seilbahnen wirklich eine gute Alternative zu den konventionellen Verkehrsmitteln wie Bus, U-Bahn oder Tram sind? Oder werfen sie nur neue Probleme auf?

Die 15er-Gondelbahn in der algerischen Stadt Constantine bringt Bewohner in knapp acht Minuten vom Außenbezirk ins Stadtzentrum. © Doppelmayr

Grundsätzlich sind klare, überzeugende Vorteile gegenüber traditionellen Verkehrsmitteln rasch gefunden:

  • Keine Emissionen
    Eine Seilbahn stößt keine Schadstoffe aus und ist trotz ihrer hohen Leistungsstärke energieeffizient. Beim Antrieb wird großteils auf regenerative Energien wie Photovoltaikanlagen gesetzt, und auch die Energieversorgung der Kabinen kann etwa durch einen Rollengenerator gedeckt werden. 
  • Keine Fahrplanlücken und Verspätungen
    Da eine Seilbahn ohne Fahrplan fährt, ist die Beförderung kontinuierlich und es entstehen keine Wartezeiten. Sie bringt Passagiere auf direktem Weg ohne Zeitverzögerung zuverlässig ans Ziel.
Die 15er-Gondelbahn in der algerischen Stadt Constantine bringt Bewohner in knapp acht Minuten vom Außenbezirk ins Stadtzentrum. © Doppelmayr
  • Kein Stau und Verkehrslärm
    Luftseilbahnen sind nicht nur nahezu geräuschlos, sie sind auch nicht an ein vorhandenes Straßen- oder Schienennetz gebunden. Daher steht man in der Seilbahn nie im Stau. Statt hektisch in oft überfüllten und wegen Staus verspäteten Bussen oder Bahnen, gleitet man in Gondeln leise auf dem kürzesten Weg über die Stadt.
  • Begegnungszonen statt Straßenverkehr
    Unter Luftseilbahnen werden neue Räume für Fußgänger geschaffen – eine Nachbarschaft ohne Straßenverkehr macht Begegnung möglich.
  • Hohe Kapazität gegenüber Bus und Tram
    Stadtseilbahnen erreichen eine verhältnismäßig hohe Kapazität. 5.000 bis 6.000 Fahrgäste können derzeit pro Stunde und Richtung ans Ziel gebracht werden. Das entspricht ungefähr 50 Prozent der Fahrgastkapazität einer U-Bahn.
  • Hohe Sicherheit, Komfort und Barrierefreiheit für Fahrgäste
    Statistisch gesehen gilt die Seilbahn als eines der sichersten Verkehrsmittel der Welt. Außerdem werden die Gondeln niveaugleich zum Boden der Stationen geführt. Sie laufen auch nur sehr langsam durch die Haltestellen und können, wenn notwendig, sanft angehalten werden, ohne dass der Betrieb gestört wird. So können Rollstuhlfahrer oder Familien mit Kinderwägen bequem, ohne zusätzliche Rampen, ein- und aussteigen. Auch der Transport von schweren Einkaufstaschen oder Fahrrädern wird dadurch erleichtert.
  • Neue Perspektiven
    Eine Gondelfahrt ist immer ein kleines Abenteuer, während dessen man die eigene Stadt immer wieder von einer neuen Seite erleben kann.
  • Kurze Bauzeiten, kosten – und flächengünstig
    Eine schienengebundene Lösung wie U-Bahn oder Tram ist im Vergleich zu einer Luftseilbahn üblicherweise deutlich teurer. Ein Kilometer U-Bahn kostet im Schnitt 200 Millionen Euro und die Fertigstellung dauert meistens viele Jahre. Ein Kilometer Seilbahn hingegen kostet durchschnittlich 5 Millionen Euro und ist schnell gebaut. Zudem verbraucht eine Luftseilbahn eine deutlich geringere Fläche, da Stationen in vorhandene Gebäude integriert werden können und Stützen auf dem Boden wenig Platz einnehmen.

 

Trotz der vielen, offensichtlichen Vorteile bleiben oft Zweifel und die Seilbahn als Nahverkehrsmittel hebt in Europa noch nicht richtig ab. Vor allem die Streckenführung und die Veränderung des Städtebilds ruft dieserorts Zweifler auf den Tisch. Obwohl die Fahrtwege fast unsichtbar sind, stoßen sich viele an deren hohen Stützen, die Städte in ihren Augen hässlich gestalten. Doch über Geschmack lässt sich bekannterweise streiten. Gewiss ist aber, wer nicht möchte, dass eine Gondel über sein Haus schwebt, kann sich dem Bau einer Seilbahn entgegenstellen. Daher sprechen die rechtlichen Rahmenbedingungen gerade in Europa, oftmals gegen den Einsatz im urbanen Bereich.

Dennoch gewinnen urbane Seilbahnlinien aufgrund ihrer niedrigen Investitionskosten, der raschen Umsetzbarkeit, dem guten Fördervolumen und den ökologischen Aspekten tendenziell an Bedeutung. Vorbehalte der Seilbahnanwohner könnten zukünftig durch eine kompromissbereite Streckenführung, wie zum Beispiel entlang großer Straßen, sukzessive genommen werden. Zweifel über das Städtebild könnten schwinden, je mehr Seilbahnprojekte entstehen und somit zum gewohnten Teil der städtischen Landschaft werden. Seilbahnen könnten so im urbanen Raum jenen Gefallen finden, den sie in den touristischen Gebieten schon lange haben.

Besonders in Südamerika scheinen diese emotionalen Hürden schon komplett überwunden zu sein. Was in Europa noch eine Seltenheit ist, gehört dort längst zum Alltag. In Südamerika sind schon einige zukunftweisende urbane Seilbahnprojekte entstanden und die Nachfrage wächst stetig. Im nächsten Teil unserer dreiteiligen Reihe zu urbanen Seilbahnen besuchen wir diesen Hotspot für Stadtseilbahnen.

 

Gastbeitrag: Isabel Inhoven