Österreichische Meilensteine der Seilbahngeschichte – Ein Blick zurück II

Teil 2

Seilbahnen gehören zu den ältesten und sichersten Verkehrsmitteln der Welt – sind aber trotzdem so modern wie fast kein anderes. Aufgrund seiner Topographie nahm Österreich früh eine Vorreiterrolle in der Geschichte der Seilbahnen ein. Die österreichische Seilbahntradition ist geprägt von Pioniergeist und stetigen Innovationen in puncto Technik, Sicherheit, Komfort, Ökonomie und Ökologie. 1873 nahm Österreich die erste öffentliche Seilbahn in Betrieb – heute verkehren über 2.900 Anlagen und österreichische Seilbahnkompetenz ist weltweit gefragt.

Im zweiten Teil unserer zweiteiligen Reihe erzählen wir von den technischen Meilensteinen der Wintersportbahnen in Österreich und werfen einen kurzen Blick auf zukunftsweisende Seilbahn-Innovationen.

Foto: Markbachjoch Niederau Wildschönau, alte Photos © Wildschönau Tourismus

Wintersportbahnen und Skiboom

In den 1930er Jahren setzte ein wahrer Skiboom ein, und es wurde immer wichtiger komfortable und leistungsfähige Seilbahnen speziell für den Skibetrieb zu bauen. Bis in die 1930er war Skifahren meist ein eher anstrengendes Vergnügen, das viel Zeit für den Aufstieg erforderte. Daher war die Konstruktion und Installation des ersten Umlaufschlepplifts Österreichs in Zürs am Arlberg der Firma Doppelmayr im Jahr 1936  ein wichtiger Meilenstein der Seilbahntechnologie. Gleichzeitig kann man den ersten Schlepplift in Österreich als Startschuss einer neuen Ära der österreichischen Seilbahnwirtschaft betrachten.

  • VIDEO > Doppelmayr 2-SL „Klein-Valluga-Lift“ – erster Skilift in Zürs, Österreich (1937) 
Foto: © Sammlung Risch-Lau, Vorarlberger Landesbibliothek ( https://pid.volare.vorarlberg.at/o:36360)

Nach einer kurzen Stagnation in Folge des 2. Weltkrieges begann die Begeisterung für den Wintersport in Österreich wieder stetig zu wachsen. Mittels neuer Seilbahnen wurden neue Skigebiete erschlossen und der Weg zu den heutigen Großraumskigebieten geebnet. Darüber hinaus löste eine Seilbahninnovation die andere ab – hier ein kurzer Überblick:

  • 1947 geht der erste Einzelsessellift in der Wildschönau in Tirol in Betrieb.
  • 1953 wird mit der Muttereralmbahn in Tirol erstmals eine kuppelbare Umlaufbahn errichtet. Während die Seilbahntechnik, sprich Stützen, Antrieb und Klemmapparate, bei der Firma Girak bezogen wurde, setzte man bei den Zweiersesseln auf Eigeninitiative und fertigte diese bei den Innsbrucker Stadtwerken an. Ein buntes Stoffdach („Fetzndachl“) schütze nicht nur vor herabtropfendem Fett, sondern auch vor Wetter und kann daher als Vorgänger der heutigen „Bubbles“ gesehen werden. Damals noch einzigartig, gehören kuppelbare Sesselbahnen in Skigebieten heute zum unverzichtbaren Komfort. Im selben Jahr wurden auch die ersten Sessellifte der Firma Doppelmayr nach Übersee in die Skizentren Mount Gabriel und Mount Plante in Kanada geliefert – und Österreich mit Doppelmayr endgültig zum Global-Player der Seilbahntechnologie.
  • 1954/55 wird der erste Doppelsessellift konventioneller Form in St. Anton in Tirol auf den Gampen eröffnet.
  • 1959 geht der erste Kurvenschlepplift in Schruns in Vorarlberg in Betrieb. Im selben Jahr hielt mit der Eröffnung der Komperdellbahn in Serfaus die Steuerung des Antriebs direkt von der Gondel aus Einzug in das Seilbahnwesen – der erste Schritt Richtung Automatisierung war gesetzt. Im Jahr 1959 wurde außerdem die allererste kuppelbare Einseilumlaufbahn Österreichs mit Kabinen im oberösterreichischen Kurort Bad Ischl eröffnet.
  • 1961 fertigt die Firma Köllensperger erstmals in Österreich Gondeln aus glasfaserverstärktem Kunststoff für die Muttereralmbahn in Tirol – eine Innovation ganz im Sinne des Zeitgeists der 1960er Jahre.
  • 1963 entwickelt Doppelmayr für den Sommer-Schilauf auf Gletschern ein neuartiges Liftsystem. Die Gletscherstützen werden in der Längsrichtung beweglich, d.h. „schwimmend“, auf das Eis gesetzt und an einem von der Tal- zur Bergstation durchlaufenden Halteseil befestigt.
  • 1970 erfand Doppelmayr den Bruchstabschalter mit dem es auf einfache Weise möglich war, bei einer eventuellen Förderseilentgleisung die Liftanlage durch die Unterbrechung des Strecken-Stromkreises stillzusetzen.
  • 1979 wurde in Bad Ischl zum ersten Mal in Österreich bei einer Einseilumlaufbahn eine Seilneigung von 100 % erreicht. Um mit den vorhandenen Stationsbreiten auszukommen, wurden neu entwickelte Kabinen der Type Austro Panorama der Firma Traunsteinwerkstätten Josef Swoboda mit automatischen Schiebetüren eingesetzt.
  • 1985 stellt Doppelmayr erstmalig panoramaverglaste Wetterschutzhauben, sogenannte „Bubbles“ her.
  • 2004 stellt Doppelmayr die weltweit erste Sitzheizung für Sessellifte vor. Die ersten Anlagen wurden in Lech und Schröcken in Vorarlberg mit Sitzheizung ausgerüstet – heute gehören ehemalige Luxusindizien wie die Sitzheizung schon längst zum Standard.

Seilbahntechnologie heute

Österreich positioniert sich an der Spitze der weltweiten Rekordjagd nach immer höheren, schnelleren, komfortableren und umweltfreundlicheren Technologien. Dabei prägt die ständige technische Weiterentwicklung den österreichischen Seilbahnbau bis heute. Beispiele für bahnbrechende weltweite Rekorde bietet unter anderem die österreichische Firma Doppelmayr mit der 3S-Bahn in Kitzbühel (2005), die weltweit erstmals 2,5 km überspannte, mit der größten 3S-Bahn der Welt auf den Whistler Mountain in Kanada (2008), mit der höchsten Pendelbahn der Welt auf den Pico Espejo in Venezuela (2008), mit der höchsten Gondelbahn der Welt auf den Dagu-Gletscher in China (2008), mit der ersten CabriO-Pendelbahn auf das Stanserhorn in der Schweiz (2012) oder mit der längsten Seilbahn der Welt in Lappland/Schweden (2018).

CabriO Bahn auf das Stanserhorn © Stanserhorn

Neben ständigen technischen Innovationen steht bei Österreichs Seilbahnen auch die Digitalisierung im Fokus – WLAN-Ausbau, Automatisierung, Monitoring und Online-Ticketing sind hierbei unter anderem wichtige Schlagwörter. Außerdem überzeugen österreichische Seilbahnbetreiber immer mehr durch den Einsatz von erneuerbarer Energien, einen ressourcenschonenderen Umgang mit der Umwelt und Angeboten zur Reduzierung des Individualverkehrs in Skigebieten. Zudem eröffnen sich durch das stetig wachsende Umweltbewusstsein neben den traditionellen Einsatzgebieten der Seilbahnen im Gebirge neue Anwendungsmöglichkeiten im städtischen Nahverkehr. In diesem Sinne wird die Seilbahn als neuer umweltfreundlicher Lösungsansatz für urbane Gebiete kontinuierlich perfektioniert und adaptiert.

Links & Quellen:

https://www.doppelmayr.com/de/unternehmen/meilensteine/meilensteine-broschuere/

Literatur:

100 Jahre Seilbahnen in Tirol von Günter Denoth, 2008 im Sutton Verlag erschienen

Gastbeitrag: Isabel Inhoven

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