Urbane Seilbahnen – Teil III

Meist werden Seilbahnen mit hohen Bergen, Wandern und Skifahren assoziiert. Doch sind sie nur ein touristisches Naturerlebnis oder auch eine echte zukunftsorientierte Lösung für den städtischen Nahverkehr? In unserer dreiteiligen Reihe berichten wir, wann Stadtseilbahnen öffentliche Verkehrskonzepte sinnvoll ergänzen können, welche Vorteile und Herausforderungen urbane Seilbahnen mit sich bringen und wo außergewöhnliche Stadtseilbahnprojekte bereits erfolgreich umgesetzt wurden.

Urbane Seilbahnen Teil 3: Die Zukunft Lateinamerikas liegt in der Luft

Stadtseilbahnen sind weltweit auf dem Vormarsch und revolutionieren das öffentliche Nahverkehrssystem vieler staugeplagter Metropolen. Vor allem Südamerika gilt als Pionier und internationaler Hotspot für urbane Seilbahnen. Immer mehr verkehren dort – schnell, pünktlich, sicher und verlässlich – in Medellín, Caracas, Bogotá, El Alto, La Paz und nun auch in Mexico City. Es scheint als ließe sich die Liste an Seilbahnen in Lateinamerika unendlich fortsetzen. Aber was macht die Luftseilbahn gerade in den lateinamerikanischen Großstädten so beliebt?

10-MGD-Linea-Roja. Die Línea Roja wurde im Mai 2014 als erste der Seilbahnlinien zwischen La Paz und El Alto eröffnet. Sie ist zwar die kürzeste Seilbahnverbindung des Netzwerkes, konnte aber bereits nach 28 Tagen Betrieb die 1-Million-Fahrten-Marke erreichen. © Doppelmayr

Der Grund liegt in den ähnlichen Problemen und Hürden, denen sich die Metropolen Lateinamerikas nun konsequent stellen. Die meisten Großstädte dort versinken im Verkehr und leiden erheblich unter Stau- und Schadstoffproblemen. Die Bebauung ist extrem dicht, die Straßen und Wege verworren. Besonders die eng verzweigten Straßennetze der ärmeren Viertel auf den steilen Hängen am Rande der Stadtzentren wachsen unentwegt und sind für konventionelle Nahverkehrssysteme kaum zu erschließen. Das intensiviert zudem die Isolation der Bewohner und potenziert ihre wirtschaftlichen und sozialen Probleme. Daher beherrschen zusätzlich zum täglichen Verkehrschaos, Armut und Arbeitslosigkeit gepaart mit einer besorgniserregend hohen Kriminalität den Alltag dieser hügeligen Millionenstädte.

Nicht allein aus topographischer Sicht kann die Seilbahn hier ihr Potential voll ausschöpfen. Denn die Luftseilbahn bietet den Ballungszentren nicht nur einen neuen, kostengünstigen, emissionsfreien und platzsparenden Lösungsansatz, um die einzelnen Stadtteile über Hügel und Häusermeere hinweg miteinander zu verbinden. Indem sie den Menschen in den Randvierteln den Zugang zu Arbeits- und Bildungsplätzen im Stadtzentrum erleichtert, rückt sie auch die Gesellschaft ein wenig näher zusammen. So war die Schaffung von Seilbahnanbindungen für marginalisierte Gegenden in Städten wie Medellín, Laz Paz, El Alto, Caracas und Mexico City ein wichtiger Schritt für eine verkehrliche, wirtschaftliche sowie soziale Wende.

Von der Endstation Santo Domingo der Linie K (MetroCable Medellín) gelangt man zu einer öffentlichen Bibliothek, oder besser gesagt, zu einem Kultur- und Gemeindezentrum inmitten eines Parks. Von Wikimedia Commons

Medellín, Kolumbien

Die absolute Vorreiterrolle bei urbanen Luftseilbahnen nimmt Medellín in Kolumbien ein. 2004 wurde hier die erste MetroCable (die Linie K) hoch zum Bezirk Santo Domingo Savio in Betrieb genommen. Diese erste der geplanten sechs Seilbahnlinien wurde in einer Bauzeit von nur 18 Monaten realisiert. Die Linie K allein erreicht ca. 230.000 Einwohner und reduziert die durchschnittliche Transferzeit von 120 auf 65 Minuten. Die Seilbahn hat im Schnitt eine Million Fahrgäste im Monat und die Erlöse aus dem Ticketverkauf betragen 7,6 Mio. Euro im Jahr (Stand 2011, Internationale Seilbahn Rundschau). Mit heute insgesamt fünf Seilbahnlinien und 16 Seilbahnstationen ist das von LEITNER ropeways gebaute Seilbahnnetz das zweitgrößte der Welt (nach dem Mi Teleférico). Eine sechste Seilbahnlinie mit zusätzlichen vier Stationen ist derzeit im Bau.

Seit der Errichtung des Seilbahnnetzes sind die CO2- und Lärmemissionen erheblich gesunken, Staus sind deutlich zurückgegangen. Die Stadtverwaltung von Medellín sieht die Seilbahn aber vor allem als eine sozialpolitische Maßnahme, weil die bessere Anbindung den vielen Bewohnern der ärmeren Bairros am Stadtrand neue Arbeits- und Bildungschancen bietet. Dank neuer Perspektiven sinken Arbeitslosigkeit und Kriminalität seit der Eröffnung der ersten Linie stetig. Auch die Statistik ergibt, dass die früher berüchtigte Stadt um einiges sicherer geworden ist.

Wegen der Seilbahn können die vielen Anwohner aber nun nicht nur komfortabel und sicher das zentrale U-Bahnnetz erreichen, um in die Schule oder Arbeit zu gelangen. Auch haben sich aufgrund der verbesserten Anbindung Gewerbe in den Bairros abseits vom Zentrum angesiedelt. Anstelle eines Gefühls der Abgeschiedenheit ist ein neues Gefühl der Zugehörigkeit und Beachtung getreten. Die Bewohner der zuvor exkludierten Bairros verschönern nun stolz ihre Häuser und säubern die Straßen, weil sie von oben einsehbar sind. Die 2,4 Millionen Einwohner Medellíns bezeichnen ihr Seilbahnnetz daher liebevoll als „Poesie in den Wolken“. Das Wall Street Journal hat Medellín 2013 sogar den Titel „Innovative City of the Year“ verliehen.

10-MGD-Línea-Amarilla. Die gelbe Linie ist mit 3,7 km die längste Seilbahnverbindung zwischen El Alto und La Paz und nahm 2014 offiziell den öffentlichen Betrieb auf. © Doppelmayr

Der Wandel von Medellín hat ebenfalls die in den Anden gelegenen Städte La Paz und El Alto in Bolivien mobilisiert. Auch sie begannen 2014 mit dem Bau eines Seilbahnnetzes, um dem täglichen Verkehrschaos und der hohen Kriminalität auf den Straßen den Kampf anzusagen. Heute verbinden zehn Linien, 36 Stationen und insgesamt über 30 Kilometer lange Stahlseile den bolivianischen Regierungssitz La Paz mit der zweitgrößten Stadt Boliviens El Alto.

Das folgende Video gibt einen Überblick über die beeindruckende Reichweite des Seilbahnnetzes: https://www.youtube.com/watch?v=vdCyOJ7fkio

Laut mehreren Medienberichten ist die Kriminalität rund um die Stationen des heute größten urbanen Seilbahnnetzes der Welt deutlich zurückgegangen. Der Mi Teleférico bringt die Bewohner des eher einkommensschwachen El Alto, die täglich nach La Paz in die Arbeit fahren müssen, sicher und mit einer Zeitersparnis von durchschnittlich 22 Prozent an ihr Ziel. Zum Vergleich: Um mit dem verhältnismäßig teuren Taxi von La Paz nach El Alto zu gelangen, benötigt man mindestens eine Stunde, mit der Seilbahn nur 17 Minuten. Mit 35 Cent pro Fahrt ist die Seilbahn außerdem günstiger als jedes andere Verkehrsmittel und somit auch für sozial schwächere Menschen erschwinglich.

Gebaut wurden die kuppelbaren Gondelbahnen und Stationen von der Firma Doppelmayr. Alle Linien haben eine Förderleistung von 3.000 Personen pro Stunde und Richtung – bis auf die Línea Morada. Auf ihr divergiert sie zwischen den einzelnen Sektionen von 3.000 bis 4.000 Personen pro Stunde und Richtung. Insgesamt bieten rund 1.400 Gondeln Platz für jeweils zehn Personen. Inzwischen ist der Mi Teleférico zum beliebtesten und wichtigsten öffentlichen Nahverkehrsmittel für die Bewohner geworden. Heute gilt er als Wahrzeichen der beiden Städte.

Der Tramo Expreso von Mariche nach Palo Verde wurde 2012 eröffnet und ist die zweite 8er-Gondelbahn von Caracas. Von Wikimedia Commons

Caracas, Venezuela

Ebenso inspiriert von Medellín begannen im Jahr 2008 in Caracas die Bauarbeiten der ersten Linie der MetroCable. Damit war der Grundstein eines Seilbahnnetzes bestehend aus zwei 8er-Gondelbahnen und einem Cable Liner, dem Cabletren Bolivariano, für Caracas gelegt. Dank dem neuen Seilbahnnetz können die vielen Bewohner der zuvor entlegenen Stadtviertel San Agustín und Mariche schnell und sicher in das Stadtzentrum und wieder zurück gelangen.

GD10 Ecatepec I+II im Stadtteil Ecatepec de Morelos in Mexico City. © LEITNER ropeways

Mexico City, Mexiko

Das Luftseilbahnfieber hat auch auf Mexiko übergegriffen: Im Jahr 2016 wurde dort die erste urbane Seilbahn Realität. Die von LEITNER ropeways gebaute, fast fünf Kilometer lange Verbindung besteht aus zwei Kabinenbahnen und trägt einen wesentlichen Teil zur Lösung der Verkehrsprobleme des bevölkerungsreichsten Stadtteils Ecatepec de Morelos in Mexico City bei. Die erste Stadtseilbahn Mexikos ist täglich 17 Stunden im Einsatz und befördert dabei 17.000 Personen. Ähnlich wie in Medellín, La Paz und Caracas wurden in die Seilbahnstationen Geschäfte und öffentliche Räume integriert. Auch hier hat die Seilbahn das Leben der Anwohner erleichtert und ihnen mehr Sicherheit geschenkt.

Der Cablebús soll ab 2021 den Bewohnern des Bezirks Iztapalapa eine rasche und sichere Anbindung zum Zentrum von Mexico City bieten. © LEITNER ropeways

Noch dieses Jahr sollen zwei weitere Seilbahnen von LEITNER ropeways in Mexico City ihren Betrieb aufnehmen. Im Bezirk Iztapalapa im Südosten der Stadt wird die insgesamt knapp elf Kilometer lange Anlage den Anwohnern eine bessere und vor allem sichere Anbindung zu den zentralen U-Bahn-Stationen bieten. Die neue Linie verspricht zudem eine erhebliche Verkehrsentlastung und zusätzliche Zeitersparnis. Anstatt 73 Minuten mit herkömmlichen Straßenverkehrsmitteln wird die Fahrzeit mit den Kabinenbahnen insgesamt nur mehr 40 Minuten betragen.

Die neue D-Line für Mexico City. © Doppelmayr

Auch zwischen dem nördlich gelegenen Viertel Cuautepec und dem Indios Verde, einem der größten Verkehrsknotenpunkten der Stadt, soll eine Anbindung entstehen. Realisiert wird diese über neun Kilometer lange Seilbahnverbindung mit sechs Stationen von der Firma Doppelmayr. Es wird das erste urbane Seilbahnprojekt mit der neuen D-Line von Doppelmayr/Garaventa sein.

Quellen:

www.doppelmayr.com

www.leitner-ropeways.com

Gastbeitrag: Isabel Inhoven

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