Meist werden Seilbahnen mit hohen Bergen, Wandern und Skifahren assoziiert. Doch sind sie nur ein touristisches Naturerlebnis oder auch eine echte zukunftsorientierte Lösung für den städtischen Nahverkehr? In unserer dreiteiligen Reihe berichten wir, wann Stadtseilbahnen öffentliche Verkehrskonzepte sinnvoll ergänzen können, welche Vorteile und Herausforderungen urbane Seilbahnen mit sich bringen und wo außergewöhnliche Stadtseilbahnprojekte bereits erfolgreich umgesetzt wurden.

Teil 1: Urbane Seilbahnen – die weltweit richtige Antwort auf Stau?

In vielen Städten sind die Straßen hoffnungslos überfüllt. Seilbahnen können hier den Verkehrsfluss vom Boden in die Luft verlagern. Daher setzen Verkehrsplaner immer mehr auf Luftseilbahnen als schnelle, platzsparende und umweltfreundliche Antwort auf den städtischen Massenverkehr. Überall sind Projekte in Planung, im Bau oder bereits in Betrieb. Auch dort, wo Seilbahnen bislang nur den Bergen, dem Tourismus oder Großereignissen vorbehalten waren, sollen sie konventionelle öffentliche Verkehrsmittel sinnvoll ergänzen.

In Europa soll beispielsweise die Dreiseilumlaufbahn Téléo in Toulouse seinen Fahrgästen eine 45-minütige Autofahrt zwischen drei wichtigen Verkehrsknotenpunkten ab diesem Sommer ersparen. Bereits erfolgreich schweben Seilbahnen über Städte wie etwa New York, Mexiko City, Ankara, Caracas, Busan oder Lagos in Nigeria. Allein in Algier verkehren bereits fünf Stadtseilbahnen und weitere sind schon geplant. Doch bestimmt die größte Erfolgsgeschichte konnte das umfangreichste städtische Seilbahnnetz der Welt, der Mi Teleférico in Bolivien, schreiben. Mit derzeit zehn Linien, insgesamt 36 Stationen und über 30 Kilometern Gesamtlänge transportiert er täglich mehr als 300.000 Fahrgäste.

Kurz gesagt – urbane Seilbahnen sind auf dem internationalen Vormarsch. Weltweit entdecken immer mehr Städte das Potential dieses zeitsparenden Verkehrsmittels in einer unabhängigen Dimension mit minimalem Ressourcen- und Flächenverbrauch.

Doch wann macht es wirklich Sinn, Seilbahnen als wertvolle Ergänzung oder Alternative zu anderen, öffentlichen Verkehrsmitteln im städtischen Bereich zu etablieren?

Der Tramo Expreso von Mariche nach Palo Verde in Caracas. © Doppelmayr

Wenn topographische oder bauliche Hürden überwunden werden müssen. Luftseilbahnen überqueren schwebend leicht schwieriges Terrain und gondeln lautlos über Häuser, Täler, Schluchten und Flüsse hinweg, während herkömmliche Verkehrsmittel hier große Umwege nehmen müssen. So stellen Seilbahnen etwa eine ideale Alternative bei der Erschließung von Stadtgebieten in Hanglage dar. Aber auch bei der Überquerung von breiten Flüssen, Häfen, Gleisen oder breiten Straßen bieten sie kostengünstige, interessante Möglichkeiten.

Wenn hohes Verkehrsaufkommen entlastet werden muss. Vielerorts kommen konventionelle öffentliche Verkehrsmittel an ihre Kapazitätsgrenzen. Besonders während der Stoßzeiten kommt es regelmäßig zu Verspätungen, Staus und hoffnungsloser Überfüllung. Moderne Seilbahnsysteme lassen sich leicht in die bestehende Infrastruktur integrieren und können das städtische Verkehrsnetz erheblich entlasten.

Wenn Verkehrsnetze auf konventioneller Ebene nicht ausgebaut werden können. In vielen Städten ist der bestehende Verkehrsraum am Boden voll, Wege nicht verbreiterbar und das Straßennetz nicht weiter ausbaubar. Luftseilbahnen eröffnen eine neue Verkehrsebene in der Höhe. Sie benötigen sehr wenig Platz und verbinden wichtige Verkehrsknotenpunkte dort, wo Straßenverkehrsmittel an ihre Grenzen stoßen.

Wenn viele Passagiere kontinuierlich auf kurzen Strecken transportiert werden müssen. Auf Kurzstecken können Seilbahnen eine schnelle Anbindung zu anderen Verkehrsmitteln sowie entlegeneren Gebieten und Stadtteilen bieten. Ebenso bei großflächigen Anlagen, wie Flughäfen oder Hotelkomplexen, schaffen sowohl Stand- als auch Luftseilbahnen oft eine ideale interne, emissionsfreie Verbindung.

Wenn Verkehrslücken gefüllt werden müssen. In der Regel sind öffentliche Verkehrsnetze radial aufgebaut und Verkehrsströme sind auf das Stadtzentrum ausgerichtet. Seilbahnen können hier das bestehende Netz um wichtige tangentiale Verbindungen ergänzen und bestehende Verkehrslücken füllen.

Fazit

In vielen Fällen bieten Stadtseilbahnen sinnvolle neue Möglichkeiten und Lösungen. Sie entlasten Städte nicht nur vom massenhaften motorisierten Individualverkehr, sondern schaffen auch neue Transportkapazitäten und -wege und können vorhandene Angebote an Bussen, Trams und U-Bahnen sinnvoll ergänzen. Generell muss man aber ganz klar festhalten, dass eine Luftseilbahn keine Patentlösung für alle urbanen Nahverkehrssituationen ist. Nur unter gewissen topographischen und städtebaulichen Voraussetzungen ist sie ein passendes Verkehrsmittel, stellt aber dennoch oft eine interessante, zukunftsorientierte urbane Verkehrslösung dar.

Im nächsten Teil unserer dreiteiligen Reihe zu urbanen Seilbahnen stellen wir uns im Detail den Fragen, welche konkreten Vorteile Luftseilbahnen gegenüber traditionellen Verkehrsmitteln wie Bus, Tram oder U- Bahn haben und welche Probleme sie aufwerfen.

Gastbeitrag: Isabel Inhoven

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